Mittwoch, 7. September 2011

6. September 2011, 402

6. September, Hamamatsu (jap. 浜松市, -shi, dt. „Strandkiefern“) bis Futami (二見町 Futami-chō?), 65,5km, 15147 Gesamtkm

Datum: 6.9.11
Tag: 402
TagesunterstützerIn:
von: Hamamatsu m NN
nach: Toba m NN 19
km 65,5
Gesamt km 15151,0563
km/h: 11,6
Fahrzeit 05:38
gesamte Fahrzeit: 1204:44:00
Anstieg in m pro h #DIV/0!
Anstieg in m 442
Abfahrt in m: 432
höchster Punkt in m NN 74
Steigung/Gefälle 1,33

 
Unser Park ist in der Nacht gewohnt ruhig und gewohnt belebt ab spätestens 5:30. Da wir aber um 4:30 aufstehen, sind wir den Japanern zu mindest in der Öffentlichkeit eine Stunde voraus. Alles andere wäre aber auch nicht schlimm. Denn zu den wirklich drolligen Seiten in diesem Land gehört es, dass wir – egal wo wir uns gerade befinden und was wir machen, meistens ja Sachen, die Japaner nicht machen – von allen gegrüßt werden, als würden wir seit Jahren dort leben und es sei völlig normal zwischen der kleinen schmucken Bühne, der überdachten Luxushalle für eine Art Minigolf und der Grundschule unter einer Laterne zu zelten. Als wir dann aus dem Zelt krabbeln, Wolfgang im Zeitlosen Feinripp-Unterhöschen angetan, Gunda im T-Shirt und Unterhose die Ameisen, Krümmel etc. aus dem Zelt schüttelnd (Ordnung muss sein!), werden wir von einem rüstigen Senioren angesprochen, der ganz begeistert ist, dass wir radfahren. Dann geht die Sendung „Montagsmaler“ los. Er möchte uns etwas erzählen. Dazu führt er die Hand an den Mund und macht eine Bewegung, wie Katzen sie beim Spielen machen, also mit den Händen an einem imaginären Kratzbaum streichen. Wir überlegen: er hat Hunger. Er meint, wir haben Hunger. Er möchte uns etwas zum Essen anbieten, aber dafür müssen wir Treppen steigen. Er hat Katzen. Die haben Hunger, haben gegessen oder essen gerade. Aber dann geht es um Berge. Und um Radfahren. Also überlegen wir: Es geht um Bergsteigen und Radfahren, also um Sport an sich. Da muss man essen. Dem stimmen wir sofort begeistert zu. Machen deutlich, dass wir das auch schon getan haben mit wilden Gesten auf unsere Taschen. Er macht weiter seine Geste. Also überlegen wir, dass er deutlich machen will, dass man beim Bergsteigen essen muss. Sind wir einverstanden. Irgendwann verstehen wir: er will uns sagen, dass er Bergsteiger ist und dass wir Radfahrer sind. Wir verstehen, strahlen ihn an und stimmen zu. Er ist begeistert und zieht von dannen, nicht ohne sich nocheinmal umzudrehen. Danach kommt eine Dame mit hysterisch kläffendem Hund. Sie grüßt uns wie alte Bekannte, der Hund nicht.
Wir verlassen unseren Platz bei strahlendem Sonnenschein und einem Sturm, der sich als unser Gegenwind vorstellt. Nun gut, also Gegenwind. Aber es geht ja immer am Meer entlang, denken wir, als es den Berg hochgeht. Die ersten 30 km sind mühsam, voller Autos und LKWs auf einer kleinen Straße. Letztere verlassen uns bald zu den Häfen des Binnensees und auch die Autos werden weniger. Bald ist das Fahren angenehmer. Es geht konstant bergauf und bergab, die Gegend ist geteilt zwischen unendlich vielen Gewächshäusern und Surf-Shops. Es sieht plötzlich aus wie in der Eifel (die Surf-Shops passen nicht so und auch nicht die Palmen), aber Gewächshäuser, Bauernhöfe, Kühe, abgeerntete Felder. Die Häuser sind stattlich und haben alle einen Vorbau bevor es durch das Tor in den Innenhof geht. Das erinnert uns an Usbekistan.
Plötzlich ist die Eifel Vergangenheit und der Pazifik liegt vor uns, ruhig und still. Die großen Autos mit den Surfbretter komme uns alle wieder entgegen. Für sie ist das nicht der Tag. Wir versuchen wieder unser Glück mit der Touristinfo, wir würden so gerne eine Mail an Alex losschicken. Alles ist zum Laden umfunktioniert, der Infobereich zu und verwaist, das Büro ein Lagerraum. Wir machen Pause und fahren weiter.
Eigentlich sind wir ganz nah und können schon die Inseln sehen. Doch es geht noch einmal den Berg hinauf, mit geringen 13% und einer Straße, die aus lauter Knubbeln besteht, extra zum Langsam-Fahren. Das sind wir ja eh, daher ist es ein wenig wie Zentralasien. Aber nur ein wenig. Das Kap ist wunderschön und wir kommen genau rechtzeitig für die nächste Fähre. Ein Radfahrer ist schon da, ein schwerbepackter kommt noch, er nimmt aber eine andere Fähre. Der Essensversuch ist leider ein Reinfall (was Bohnen in Brötchen suchen und dann noch süß zu salziger Butter wird sich uns wohl nicht mehr offenbaren), aber die Fahrt um so schöner.   

Dass es hier vor ein paar Tagen noch absolut stürmisch war, ist kaum vorstellbar. Es ziehen Inseln vorbei,  

Schiffe und wieder Inseln.   

 
Ehe wir uns versehen sind wir drüben und es herrscht eine ganz andere Atmosphäre. Wir sitzen eine Weile unter dem Dach, das den Weg zur Tiefgarage schützt und werden von allen interessiert und neugierig beäugt und natürlich begrüßt. Eine Familie spricht uns auf Deutsch an, er hat eine Ausbildung zum Bäcker (!!!) in Deutschland gemacht. Um 16:00 beschließen wir, uns wieder in die Sonne zu stürzen und bekommen nach 500 m aus einem Auto einen gekühlten Kaffee-Nachtisch geschenkt. Derart gestärkt nehmen wir die verbleibenden Kilometer in Angriff und finden dort die Jugendherberge. Sie ist gut ausgeschildert, doch als wir den Ernst der Lage erkennen, stockt uns dann doch der Atem: die Jugendherberge ist neben dem Tempel, der zugleich die Tsunami.Evakurierung darstellt.   

Es geht ein Weg mit Treppe und schmalem Fahrweg jeweils daneben gen Himmel auf das Tempel-Tor hin. Also schieben wir erst ein Rad gemeinsam hoch. Das ist schon mühsam genug. Wolfgang sucht die Herberge, findet sie und wir schieben das Rad dahin. Oben herrscht schon große Aufregung, viele Gäste gibt es hier bestimmt nicht. Wir bekommen einen Luxusraum mit „Balkon“ und können auch die Küche benutzen. Wir laufen hinunter und schieben das zweite Rad hoch. Großes Hallo am Tempel. Die beiden Hüterinnen des Ortes sind hellauf begeistert. Mit Internet können sie etwas anfangen, haben aber keine Ahnung, wo es das geben könnte. Es stellt sich raus, dass der Ort   

und auch der nächste große wirklich schön sind (und gut zu erreichen).   

Wir finden Internet in einem der vielen Hotels und wandern danach wieder den Berg hinauf. Die Dame, die beim Hinabgehen dort auf ihrem Rollator saß und ganz begeistert war, dass wir dort wohnen,  

ist nicht mehr da. Das Haus ist wirklich schön.