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Mittwoch, 7. März 2012

Heute vor einem Jahr

Heute vor einem Jahr besuchen wir eine Wintermoschee in Buchara.

Gestern wurde Gundas KOGA Signature fertig: Nach 21.000 km ein neues Hinterrad (Nabe) und nach 16.000 km einen neuen mittleren und kleinen Zahnkranz.

Gestern berichtete arte über Fukushima. Vieles hat man doch verschwiegen:

Was ereignete sich tatsächlich am Tag der Havarie, dieser Frage gehen die Fernsehjournalisten Michael Müller, Peter F. Müller und Philipp Abresch in einer Dokumentation nach, die am Dienstagabend im Fernsehsender arte ausgestrahlt wird. Ekkehard Sieker hat die Recherche zu diesem Film unterstützt. Seinen Erkenntnissen zufolge haben sich die verschiedenen Reaktorblöcke am Unglückstag unterschiedlich verhalten. In vier von sechs Reaktorgebäuden kam es zur Explosion, die jede für sich anders verlief und dies deutet auf Hintergründe der Katastrophe hin, die dieser eine neue Dimension geben würden. Was also geschah am 11. März 2011 in Fukushima?

Bereits das Erdbeben fügt den Reaktorblöcken schwere Defekte zu. Als dann der Tsunami auf die Blöcke trifft, kommt es zu einer Kette verhängnisvoller Ereignisse. Nach Angaben des Reaktoringenieurs Arnold Gundersen, der unter anderem die US-Atom-Aufsichtsbehöre NRC und den Kongress beriet, bewirkt die Flutwelle zwei Dinge: Sie zerstört die Dieselgeneratoren, die als Not-Aggregate Strom für die Kühlung des Kraftwerks bereitstehen sollten. Und sie zerstört alle Wasser-Pumpen am Küstenstreifen. Selbst wenn die Generatoren gelaufen wären, es hätte kein Wasser zum Kühlen der Anlagen gegeben.

Schnell erhitzt sich der Reaktor in Block 1 auf über 1000 °C. Das Wasser verdampft zu Wasserdampf. Die Metalle der Hüllrohre, in denen sich das angereicherte Uran befindet, oxidieren mit dem Sauerstoff des umgebenden Wasserdampfes. Wasserstoff wird freigesetzt. Währenddessen steigt der Druck im Reaktorkessel kontinuierlich an. Per Hand versuchen Arbeiter Ventile zu öffnen, um die Gase, die sich im Kessel bilden, abzulassen. Doch der Wasserstoff und die Gase steigen nach oben, unter das Dach. Es kommt zu einer chemischen Explosion, die auch die äußere Hülle des Reaktorblocks 1 zerreißt.

Zwei Tage nach Block 1 wird auch Block 3 von einer gewaltigen Detonation erschüttert. Dabei unterscheidet sich nach den Recherchen von Ekkehard Sieker die Explosion in Block 3 völlig von der aus Block 1. Arnold Gundersen beobachtet über Reaktor 3 einen hellen Blitz, der weit in die Höhe reicht. Im Gegensatz zur relativ flachen, chemischen Explosion aus Reaktor 1 wird in Block 3 viel mehr Energie freigesetzt. Es besteht der Verdacht, dass es sich hier nicht mehr nur um eine rein chemische, sondern um eine nukleare Explosion handelt. Es kommt zur prompten Kritikalität, zur kurzzeitigen Freisetzung von nuklearer Energie.

Diese ungeheuerliche Annahme fußt nach Sieker auf nachvollziehbaren Gründen. So wurde der Reaktor mit Mischoxidbrennelementen betrieben, die sowohl Uranoxid als auch Plutoniumoxid enthielten. Wie ein Fingerabdruck lassen sich die Brennelemente aus Reaktor 3 beispielsweise von denen aus Block 1 unterscheiden. Hätte es sich bei der Explosion um eine einfache Wasserstoffexplosion gehandelt, dann hätten in der Umgebung und auch noch Kilometer entfernt Spuren diese Brennelemente gar nicht gefunden werden dürfen. Doch das wurde es. In Form von hoch radioaktivem Plutonium, und das nicht zu knapp.

Ein weiterer Aspekt, dem der Dokumentarfilm nachgeht, sind die Vorgänge aus dem Reaktorblock 4. Zum Zeitpunkt des Erbebens und des Tsunamis ist dieser nicht in Betrieb. Es befindet sich kein Brennstoff im Reaktor. Die Brennstäbe waren aus dem Sicherheitsbehälter entfernt worden und wurden in dem Abklingbecken des Blocks 4 gelagert. Entscheidend ist für Sieker, dass neben den Reaktoren die Abklingbecken als Risikofaktoren vollkommen vernachlässigt wurden. Um sich Kosten für die Zwischenlagerung zu sparen, hatte man in diesen riesigen Kühlbecken in Fukushima Brennelemente, die mehreren Reaktorkernen entsprechen, zum Abkühlen gelagert. Sobald jedoch die Kühlung ausfällt, wird es kritisch. Genau das passierte in Block 4. Von Hubschraubern aus wird versucht, Wasser in die Abklingbecken zu schütten. Doch das Wasser verdampft, der Wasserspiegel sinkt unaufhörlich, bis die Spitzen der Brennstäbe freiliegen. Es kommt zu einer weiteren Wasserstoffexplosion, obwohl der Reaktor nicht mehr in Betrieb ist.

Es sind vor allem diese zwei Tatsachen, so Sieker, die bisher bei der Aufarbeitung der Katastrophe konsequent verdrängt werden: Erstens, dass es zur prompten Kritikalität in Reaktor 3 kam und zweitens, dass die Abklingbecken der Atomkraftwerke ein viel höheres Risiko bergen, als bisher angenommen. Und eigentlich müssten deshalb nun weltweit die Atomkraftwerke sicherheitstechnisch nachgerüstet werden. Schließlich hat sich in Fukushima gezeigt, wie bis dato ein als rein theoretisch angenommenes Risiko eintreten und traurige Wirklichkeit werden kann.

Während der Rest der Weltöffentlichkeit bei den dramatischen Bildern der explodierenden Reaktoren die Hände über dem Kopf zusammenschlug und voller Ratlosigkeit gen Japan blickte, nimmt das Land selbst sein Schicksal stoisch hin. Bisher gibt es keine klare Zahl der Toten, die das Reaktorunglück forderte, auch nicht solche der Menschen, die akute Schäden davon getragen haben. Die Daten, die übermittelt werden, haben nach Ansicht von Sieker mit der Realität nicht viel zu tun, sondern basieren auf Schätzungen, auf reinem Simulationswissen. Kein Mensch weiß wirklich, wie es in den Reaktoren aussieht. Sicher, Dinge, die im Unklaren liegen, lassen sich schwer weitergeben. Doch alleine das, dass man es eben nicht weiß, wäre ja schon Information genug.

Welche Folgen Fukushima für Mensch und Umwelt noch bereit hält, ist nicht auszumachen. Zynisch ausgedrückt bleibt Fukushima ein einziges gigantisches Experiment, dessen zeitliche Dimension und Langzeitwirkung unsere Vorstellungskraft überdauert – eine Dimension der Gefährdung, die noch lange nicht zu Ende gedacht ist.

Die Dokumentation "Fukushima - Die Wahrheit hinter dem Super-GAU" wird am 6. März 2011 um 20.15 Uhr auf ARTE im Rahmen des Themenabends "Störfall Japan - Das Leben nach der Katastrophe" ausgestrahlt. Die Wiederholung läuft am 8. März um 10.30 Uhr.

Dienstag, 8. März 2011

7. und 8. März, Buchara, 219, 220

8. März
 
Heut ist der Weltfrauentag.


Dementsprechend sind auch die Damen des Hauses schick gekleidet und zum Mittag verschwindet die ganze Familie. Wir machen dessen ungeachtet weiterhin unsere Ausrüstung für den Aufbruch fit.


Auch der andere Reißverschluss am Zelt ist sehr mitgenommen. Leider sponsert Robens uns kein Zelt, selbst auf unsere Notfallanfrage letzte Woche. Nun haben wir einen Plan B: sollte auch der Reißverschluss kaputt gehen, können wir auf einer Seite das Mückennetz zerschneiden und so einen neuen Eingang mit dem Reißverschluss des Mückennetzes haben. Das Netz müssten wir dann anders gestalten. Aber dazu haben wir auch schon Ideen. So ein Zelt ist eben doch nicht für so lange Zeit und solche Temperaturen plus Wüstensand geschaffen. Den Rädern und dem Wagen fehlt aber soweit nichts und auch sonst ist die Ausrüstung in Ordnung. Da es richtig warm geworden ist, können wir die warmen Sachen wieder einpacken und hoffen, dass das lange so bleiben wird.
Zum frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg und suchen die Straße, die wir morgen nehmen wollen. Es gibt keine Schilder, aber wir haben nach einem längeren Marsch eine Ahnung, wo es hingeht. Es ist richtig warm, selbst im Schatten. Wir haben noch eine Besichtigung vor, es ist ein Kloster am Rande der Stadt. Die Anlage ist sehr schön, mit einem großen Garten drum herum. Als wir auf das Kloster zugehen sehen wir, dass die Bäume Knospen kriegen.


Es wird tatsächlich Frühling! Vor der Moschee ist es nicht so ganz klar, ob wir reindürfen. Ein älterer Herr ist sich dessen nicht so sicher, schließlich dürfen wir doch. Vorher haben wir noch die Jacken getauscht, so dass Gunda Wolfgangs Regenjacke trägt mit der Kapuze überm Kopf, ein Kopftuch hat sie ja nicht mehr dabei. Die Moschee ist von innen von der Kuppel her sehr schön, sonst ist sie eher schlicht. Danach wandern wir zurück und kaufen für die nächsten Tage ein. Dabei kommen wir an der Schule vorbei, die Partnerschule einer Schule in Bonn ist. Leider ist der Kontakt über die Bonner Schule nicht zustande gekommen, wir freuen uns dennoch, die Schule per Zufall gefunden zu haben.


Für den Abend haben wir uns vorgenommen, zur großen Moschee zu gehen


und das Farbenspiel des Sonnenuntergangs in den Ziegeln zu betrachten.


Auch wenn der Himmel recht bedeckt ist


, ist es doch wunderschön die Veränderung der Farben zu sehen.


Der Platz ist bis auf einige Touristen, spielende Kinder und in der Ecke Fußballspielden Seminaristen leer.


Das ist wohl einer der großen Unterschiede zu ähnlichen Plätzen in Europa: hier gibt es keine Cafés oder ähnliches und die Plätze sind nach Sonnenuntergang leer. Die ersten Fledermäuse kommen und wir wandern zurück, ein letztes Mal durch diese schöne Stadt.


Am Abend sind wir zum Abendessen in unserer Unterkunft angemeldet, diesmal ist es eine ziemliche Herausforderung in der eher ungewürzten Kochart. Morgen geht es weiter, Buchara ist eine so erholsame Stadt und ein so guter Aufenthalt gewesen nach den so vielfältigen, aber eben immer herausfordernden Monaten. 

Uebrigens: Vor 200 Tagen waren wir in St. Stefan!


Heute erleben wir die Verwandlung der Stadt in eine Touristenstadt. Mit einem Schlag sind Busse mit Touristen da und die Straßenhändler haben fast jedes freie Ecke mit Waren ausgelegt. Die Plätze sind deutlich voller und die Straße zum Ark ist mit Waren und Autos voll. Wir können uns gut vorstellen, wie es in der Hochsaison sein wird. Vor allem aber sind wir froh, dass wir Buchara noch im Winterschlaf gesehen haben, leer und ohne dauernd angesprochen zu werden. Die Preise sind natürlich mit einem Schlag andere, ebenso ist der Wechselkurs im ersten Versuch deutlich schlechter. Im zweiten dann der alte.
Heute haben wir zwei Medresen


und eine Moschee auf dem Programm, beides etwas außerhalb des üblichen Rings von Sehenswürdigkeiten. So sind wir dort noch alleine. Die eine Medrese ist bewohnt,


die Läden sind allesamt noch geschlossen. Besonders angetan hat es uns die Stadtviertelmoschee „Baland“, eine der so genannten Wintermoscheen.


Nachdem das Mittagsgebet (acht Männer), zu dem ein jüngerer Mann mit leiser Stimme außerhalb der Moschee gerufen hatte (in Usbekistan ist es den Muezzin verboten, vom Minarett zum Gebet zu rufen), können wir uns den Innenraum anschauen. Er ist schlicht und doch aufwendig und wirklich schön.


Wir bleiben eine Weile und schauen uns die vielfältigen Mosaike und Schnitzereien an, bevor wir wieder gehen.


Auf dem Weg zurück werden wir von einem Mann in einen Raum eingeladen, in den schon viele, viele Männer in schicker Kleidung (Wir nennen es den „Ausgeh-Schick-Bademantel, also den langen gesteppten Mantel und eine besondere, viereckige Kopfbekleidung, die jüngeren einfach in Hose, Hemd und Jackett), strömen. Wolfgang möchte aber keine Männer-Runde und so gehen wir weiter. Wir könnten uns vorstellen, dass das der Männer-Vorabend zum Weltfrauentag morgen ist. Wir kaufen noch ein wenig ein und gehen dann zurück. Wolfgang repariert ein zweites Rad und Gunda macht eine zweite Packrunde. Zum Abend gibt es Nudeln mit Knoblauch und Chili, endlich mal wieder und es schmeckt immer wieder geht. Es ist zunehmender Mond und der Mond liegt hier wirklich auf dem Rücken! Heute Abend hat er eine beinahe orange Farbe, der Himmel ist noch ein wenig rosa gefärbt, so dass die blaue Kuppel in unserer Straße schwach leuchtet. Viele Männer und Frauen sind auf den Straßen, die ersten Fledermäuse fliegen. Was für eine verzauberte Welt.

Uebrigens: Vor 100 Tagen waren wir in Kaolog!