Montag, 15. November 2010

12.-15. November 2010 - 104, 105, 106, 107

15. November Nusaybin (kurdisch Nisêbîn, aramäisch: ܨܘܒܐ, Soba) nach Cizre (kurdisch Cizîr; auch Cizîra Botan, aramäisch Gziro), 86,04 km 5594,0 Gesamt km

Datum: 15.11.10
Tag: 107

TagesunterstützerIn: "Basisgeminde Frankfurt

c/o: Dr. Thomas Seiterich"

von: Nusaybin m NN 456

nach: Cizre m NN 370

km 86,04

Gesamt km 5525,3727

km/h: 13,44

Fahrzeit 06:23

gesamte Fahrzeit: 415:45:00

Anstieg in m pro h 48,41

Anstieg in m 309

Abfahrt in m: 395

höchster Punkt in m NN 670

Steigung/Gefälle 0,82

Wir werden von einem übereifrigen Hahn noch vor dem Muezzin (arabisch ‏مؤذّن‎ mu'adhdhin, DMG muʾaḏḏin) geweckt und stehen kurz darauf auf. Nachdem wir die Räder gepackt haben, bekommen wir ein wunderbares Frühstück und nach einem Gruppenfoto fahren wir los. Zunächst geht es weiter durch die Ebene, die in der Hauptsache per Hand bewässert werden.


Wieder gibt es als einzige Infrastruktur kleine Läden am Rande der Straße, wir kehren wieder in einem ein. Es ist wieder ein von Kurden geführter Laden, die wiederum über die EU-Fahne ganz froh sind.


Für sie ist es völlig normal, in den كۆماری عێراق zu fahren, aber es ist zu spüren, dass sie den ‏ايران nicht mögen. Nach einem Tee fahren wir weiter und werden bald auf eine Hochebene geführt. Dort ist auf der einen Seite die syrische Grenze, die Dörfer sind allesamt im etwas tiefer gelegenen Tal auf der anderen Seite und wir sehen Geisterdörfer dort oben oder leer stehende Häuser. Einige wenige Dörfer sind an der Straße gelegen. Die Gegend ist steinig und trocken. Die Felder werden den Steinen abgetrotzt und es gibt keine Bäume. Wir fahren immer wieder über trockene Flussläufe.
Oben auf dem Pass gibt es eine große Kaserne, da es weiter bergauf auf, fahren wir so langsam, dass uns ein wachhabender Soldat anspricht und wir halten an. Bald ist die ganze Kompanie auf der Straße und schaut uns an. Sofort kommt ein Offizier, der fließend deutsch spricht und wir (also Wolfgang) unterhält sich kurz mit ihm, bevor die Kompanie wieder antreten muss. Wir bekommen eine Flasche Wasser geschenkt und werden dann gebeten, von der Kaserne wegzufahren. Wir fahren weiter und weiter und es ändert sich an der Landschaft unwesentlich etwas, bis wir im Dunst plötzlich Bergketten vor uns sehen. Wir sind eigentlich auf der Suche nach etwas Essbarem, geben das aber irgendwann auf. Es scheint nichts zu geben. So machen wir an einer aufgebenen Tankstelle eine Pause. Kurz darauf hätte es sogar etwas gegeben, aber wir beschließen, in die Stadt weiter zu fahren. Es geht steil bergab und die syrische Grenze ist direkt neben uns. Wir wissen, dass nur ein wenig südlicher die irakische Grenze dazu stößt. Wir werden steil bergab in die Ausläufer der Stadt Cizîr geführt, die uns mit den ersten Slums, die wir in der Türkiye Cumhuriyeti gesehen haben, und ihren unvermeidlichen Kinderhorden begrüßt. Die Straße wird richtig schlecht und der Weg führt steil bergauf. Wir haben mindestens vier Kinder auf Rädern und unzählige andere im Schlepptau, als wir in die Stadt oder besser gesagt, in die fester gebauten Häuser gelangen. Zu den Kindern gesellen sich zwei junge Erwachsene auf einem Motorrad, die so an Wolfgangs Fahne ziehen, dass er gestoppt wird. Wir diskutieren, drohen und versuchen, die Kinder irgendwie zu beschäftigen bis wir jemanden finden, den wir nach einem Hotel fragen können. Trotz des Kinderstresses fällt uns auf, dass die Frauen hier wieder ganz andere Schleier tragen, ein wenig sehen sie aus wie Klarissen oder Benediktinerinnen. Andere tragen auch keine Kopftücher. Fast alle tragen einen Mundschutz, denn die Luftverschmutzung ist unvorstellbar. Auf dem Mittelstreifen leben drei Kühe, in den Seitengassen gibt es sowohl ganz neue Häuser als auch Baracken. Es scheint, als sei die Stadt voll von Flüchtlingen aus den Bergen in der Türkei, aus dem Irak und anderen Ländern. Unser Hotel ist an der Hauptstraße und der Besitzer hat sofort verstanden, dass wir einen sicheren Platz für die Räder brauchen. Es ist ein riesiges Hotel, das so vor sich hin renoviert wird. Es ist alles andere als sauber, aber es ist für uns ok. Morgen werden wir versuchen, die Stadt früh zu verlassen und dann in Richtung العراق fahren.

14. November Kızıltepe (deutsch Roter Hügel; kurdisch: Qoser, arabisch: Tell-Ermen, dt.: Hügel der Armenier) nach Nusaybin (kurdisch Nisêbîn, aramäisch: ܨܘܒܐ, Soba), 82,44 km 5507,4 Gesamt km
Tag: 106

TagesunterstützerIn: "Basisgeminde Frankfurt

c/o: Dr. Thomas Seiterich"

von: Kiziltepe m NN 509

nach: Nusaybin m NN 456

km 82,44

Gesamt km 5439,3327

km/h: 13,71

Fahrzeit 06:00

gesamte Fahrzeit: 409:22:00

Anstieg in m pro h 15,17

Anstieg in m 91

Abfahrt in m: 144

höchster Punkt in m NN 530

Steigung/Gefälle 0,29
Es gibt doch schon um 6:30 Frühstück und anschließend bepacken wir die Räder und fahren mit nur sechs Kindern, die allesamt echt nett sind, im Schlepptau los. Zuvor haben wir im morgendlichen durch die Kanäle zappen mit Erstaunen festgestellt, dass es schon oder erst früh morgens richtig harte Pornos im Fernsehen gibt. Wir verlassen das teure Hotel, das so ziemlich gar keinen Service hatte, fahren an der örtlichen Polizei vorbei, die einen Schützenpanzer vor der Tür stehen hat und fahren weiter 30 km durch die künstliche Bewässerung. Bei einer Trinkpause werden wir von einem Bauern angesprochen, der uns erzählt, dass vor dem Krieg auf dieser Straße viele Restaurants waren, nun gibt es eigentlich nichts mehr. Diese Erfahrung machen wir auch, selbst die Tankstellen haben nichts mehr. So halten wir bei einem kleinen Laden gegenüber der syrischen Grenze und bekommen dort einen Tee und eine kurze Einführung in die Situation an der Grenze und der Kurden. Wir fahren weiter an der syrischen Grenze entlang und sehen, dass der Zug von Gaziantep nach موصل (arabisch ‏ الموصل‎, DMG al-Mauṣil Mosul oder Mossul; türkisch Musul; kurdisch ‏موصل‎/Mûsil; syrisch-aramäisch:ܢܝܢܒ݂ܐ/Nîněwâ) im Grenzbereich hochgesichert fährt. In der Grenzstadt finden wir ein Fernfahrer-Restaurant, wo wir essen. Da wir zur Bank müssen, fahren wir in die Stadt hinein und es wird ein Spießroutenlauf mit den Kindern. Wieder einmal sind es Massen an Kindern und wieder einmal kümmert sich kein Erwachsener darum, was sie tun. Ein Junge stellt sich auf Wolfgangs Wagen, ein andere will auf mein Rad steigen, als ich es abgestellt habe um beide Räder zu sichern. Es ist eine Mischung aus anscheinend Straßenkindern und anderen Kindern. Wir fahren wieder raus und werden von einer Horde verfolgt, einige mit dem Rad. Auch hier hat die Polizei Wasserwerfer und Schützenpanzer auf ihrem Gelände, das Militär hatte schon richtige Panzer stehen. Nur mit Schreien und einigen abrupten Stops, so dass die Radfahrenden aus dem Rhythmus kommen, kommen wir da raus und sind erst mal ziemlich schlecht gelaunt. Wir trinken an einer Tankstelle etwas Wasser und fahren weiter. Hier sehen wir, wie die Bewässerung funktioniert, wenn sie nicht technisiert ist: es werden per Hand Furchen gegraben in die dann das Wasser hineingeleitet wird, Wir kommen an einer Menge solcher Felder vorbei, gefolgt von vielen kleinen Dörfern. An einer Tankstelle holen wir Wasser und überlegen, wo wir übernachten können. Die Gegend bietet keinerlei Schutz, es gibt keinen Baum und nichts und die Gegend ist recht dicht besiedelt. Wir kommen an einem weiteren Dorf vorbei, wo wir wieder von Kindern verfolgt und mal wieder mit Steinen beschmissen werden. Wir können mit Geschwindigkeit entkommen und überholen einen Traktor, der uns daraufhin bittet anzuhalten und uns für die Nacht einlädt. Wir nehmen das gerne an, denn wir hätten keinen Ort gefunden. So finden wir eine große Familie und bekommen das große Zimmer zum Schlafen,



können uns duschen und bekommen köstliches Essen.


Wir erfahren, dass das ganze Dorf kurdisch ist, der Hausvater auch, er sich aber als Türke versteht.

13, November Tanyeli nach Kızıltepe (deutsch Roter Hügel; kurdisch: Qoser, arabisch: Tell-Ermen, dt.: Hügel der Armenier), 88,66km 5424,5 Gesamtkm

Datum: 13.11.10
Tag: 105
TagesunterstützerIn: "Basisgeminde Frankfurt
c/o: Dr. Thomas Seiterich"
von: Tanyeli m NN 596
nach: Kiziltepe m NN 509
km 88,66
Gesamt km 5356,8927
km/h: 14,58
Fahrzeit 06:04
gesamte Fahrzeit: 403:22:00
Anstieg in m pro h 41,04
Anstieg in m 249
Abfahrt in m: 336
höchster Punkt in m NN 610
Steigung/Gefälle 0,66

Der Morgen ist kalt und begrüßt uns mit 1-2 Grad. Wolfgang bewältigt das Abwaschen und Kaffee-Kochen wacker bei diesen Temperaturen und wir frühstücken bei immerhin 12 Grad im Zelt. Das Abbauen ist nicht vergnüglich, aber die Sonne kommt hervor und wärmt ab 7:00. Wir fahren weiter den ganzen Tag durch die bewässerte Ebene. Immer wieder erahnen wir, dass es hier Wüste und Steppe wäre, wenn nicht bewässert würde. Auf der einen Seite werden die Maisfelder geerntet und anschließend abgebrannt. Dennoch sind unendlich viele Familien in den Feldern unterwegs und suchen die liegen gebliebenen Maiskolben auf. Es ist Baumwollernte, die hier per Hand ebenso geschieht wie die Paprika-Ernte. Auch heute sehen wir Kühe, die sich durch unabgeerntete Baumwollfelder ebenso futtern wie Herden von Schafen und Ziegen auf frisch gesäten Feldern.
Zweimal werden wir auf unsere EU-Fahne angesprochen. Einmal mit einer erfreuten Reaktion, weil ein alter Herr mit Tuch meinte, es sei die kurdische, dann von einem Jungen, der ebenfalls in ihr die kurdische erkannte. Als EU-Fahne ist sie schon lange nicht mehr erkannt worden. Heute fahren wir nach Kızıltepe (deutsch Roter Hügel, (kurdisch: Qoser, arabisch: Tell-Ermen, dt.: Hügel der Armenier) hinein und wieder ist die Stadt so groß, dass wir nicht durch kommen werden. Wie sehen ein Hotel und steuern es an und erreichen es, umringt von Kindern. Nach reichlichen Diskussionen können wir die Räder in den Keller stellen. Bereits auf dem Weg in die Stadt haben wir viele junge und alte Menschen gesehen, die alles, was irgendwie verwertbar ist, aufsammeln und in der Stadt ist es auch so. Als wir einkaufen gehen, werden wir gefragt, ob wir türkisch sprechen, als wir das verneinen, ob wir kurdisch reden. Als wir auch das verneinen ist der Verkäufer für einen Moment ratlos. Deutsch ist aber auch ok. Wir würden gerne herausbekommen, wie die kurdische Situation ist und wo die Flüchtlinge vor allem leben, aber wir haben leider kein Internet hier im Hotel. Aufallend ist, dass Männer und Frauen hier in der Regel dieselben Tücher tragen und wir nicht wissen, ob das türkisch, kurdisch oder arabisch ist. Die Art und Weise, wie hier Tücher getragen werden, ist sehr vielfältig, oft einfach nur über den Kopf gebunden, so dass auch die Haare zu sehen sind. Leider wissen wir zu wenig darüber, wo solche Tradition her kommt.
Heute fahren wir wieder an vielen Dörfer vorbei, die in traditioneller Bauweise an einen Hügel und in den Hügel gebaut sind, viele ohne Moschee.

12. November Şanlıurfa ([ʃanˈlɯuɾfa], arabisch ‏الرها‎, DMG ar-Ruhā, kurdisch Riha, syrisch-aramäisch ܐܘܪܗܝ Urhoy) nach Tanyeli, 84,96 km, 5335,3 Gesamt km

Datum: 12.11.10
Tag: 104
TagesunterstützerIn: "Basisgeminde Frankfurt
c/o: Dr. Thomas Seiterich"
von: Sanli Urfa m NN 535
nach: Tanyeli m NN 596
km 84,96
Gesamt km 5268,2327
km/h: 13,79
Fahrzeit 06:09
gesamte Fahrzeit: 397:18:00
Anstieg in m pro h 51,87
Anstieg in m 319
Abfahrt in m: 258
höchster Punkt in m NN 728
Steigung/Gefälle 0,68

Wir packen unsere Räder vor den erstaunten Blicken der anderen Gäste. Nach unserer Erfahrung sind die eifrigen Mitarbeitenden, die zu Beginn, also bei Bezug des Zimmers, einem in einem Tempo helfen, dass es einen schwindelig macht und für uns auch nicht möglich ist, da das mit den Rädern halt etwas länger dauert als einen Rollkoffer zum Aufzug zu rollen, zum Check-Out nicht mehr weiter interessiert an uns und so können wir in Ruhe bepacken und auschecken, ohne dass uns die Taschen aus der Hand gerissen werden.
Durch das morgendlich Şanlıurfa kommen wir ohne Stau hindurch und befahren ein kurzes Stück die neue Autobahn, die an der Universität schon fertig weit. Anschließend führt uns der Weg vorbei an Baumwollfeldern, die maschinell schon geerntet sind und nun nach einer zweiten Ernte per Hand durch Familien einer dritten Ernte unterlaufen: diesmal werden die Baumwollpflanzen aus der Erde geholt, gestapelt und auf Wagen verladen. Auch hier sind wieder Familien am Werke, Mütter mit Babies unterm Arm, Kinder, Alte. Alle sind dabei. Nachdem die Straße eine ganze Weil durch die Ebene führt geht sie bald einen Pass hoch. 


Dort ist die Gegend wieder deutlich unwirtlicher, auf der einen Seite Steppe, auf der anderen Seite der Steppe und den Steinen abgerungener Acker. 


Wir sind schon über mehrere Kanäle gefahren 


und sehen die moderne Bewässerung. 


Mit dem Pass hat uns unsere Tankstellenlogistik verlassen und so fahren wir und fahren wir ohne an irgendeiner Logistik vorbeizukommen. Wir haben zwar genug Wasser, aber irgendwann Hunger. Es kommt nach 14:00 Uhr, da sind wir schon über 70 km gefahren, ein kleiner Laden, an dem wir halten. Wir entschließen uns, dort zu picknicken und kaufen Brot, Cola und Wurst ein. Ein Teil davon wird uns geschenkt. Als wir sitzen, bekommen wir noch Oliven, Käse, Honig und Suppe dazu geschenkt. Wir füllen unsere Wasser und Saftvorräte auf und auch das wird uns geschenkt. Es ist ein kleiner Laden, der von vier Generationen an Männern geführt wird. Wieder sehen wir viele der Männer, die Kopftücher tragen. Obwohl Mitte November ist, sind viele der Felder neu eingesät, gerade auch nach dem Pass. Überall wird bewässert und gleichzeitig treiben Hirten ihre Schaf- und Ziegenherden über die Felder. Die Tiere erfreuen sich an dem frischen Grün, der Bauer bestimmt nicht an den Tieren. Wie auch immer das Verhältnis der beiden Berufsgruppen zueinander sein wird, wir können es uns nicht spannungsfrei vorstellen. Zwischen den Feldern sehen wir viele kleine Dorfer, die meisten in der traditionellen Bauweise aus Lehm, aber auch ganz moderne und bunte dazwischen. Auffallend dabei ist, dass viele der Dörfer keine Moschee haben, so haben wir seit heute morgen keinen Muezzin mehr gehört. Dafür bestehen viele Tankstellen aus großen Moscheen, ein wenig wirkt es wie Moschee mit Tankstellen, auch dort ist kein Muezzin zu hören. Immer wieder gibt es große Häuser mit modernsten Gerätschaften, kurz danach Pferdewagen. An einer Tankstelle holen wir Wasser und finden kurz dahinter ein unbewohntes Haus mit Nebengebäude zwischen und hinter dem wir den Schutz für die Nacht suchen. 


Diese fängt bei uns um 17:00 Uhr an, denn da ist es stockdunkel, 


geht dafür nur bis 4:00 Uhr morgens. 

Uebrigens: Vor 100 Tagen waren wir in Amorbach!

Donnerstag, 11. November 2010

11. November Fortsetzung - 103

11. November Fortsetzung

Zum Sonnenuntergang machen wir uns auf den Weg zu Balıklıgöl. Wir finden eine wunderschöne Parkanlage vor, 


in der zwei Radfahrer umringt sind von Polizei. 

LinkDie beiden sind französisch sprechende und machen sich wieder auf den Weg. Wir folgen den Bächen, die gerade geputzt werden 



und kommen zum eigentlichen Teich als gerade der مؤذّن ruft. 



Im Teich tummeln sich unendlich viele Karpfen, um den Teich herum sind religiöse Bauten, die in der Dunkelheit schön beleuchtet sind. 


Wieder fällt uns auf, dass Männer die Kinderwägen schieben. 


Anschließend gehen wir durch die engen Gassen des Basars zurück und entdecken, dass dort schon überall zusammengepackt wird. Hier arbeiten mindestens so viele Kinder wie Erwachsene und wir haben nicht den Eindruck, als würden sie nach Schulschluss nur ein wenig mithelfen. Als wir den Weg zurück suchen, biegen auf der Straße, in die der Basar an einer Seite mündet, nach rechts, um am Ende nach links abzubiegen und zurückzugehen. Auch hier schließen die Geschäfte und es ist ein hektisches Treiben. Ein Händler spricht uns an und macht pantomimisch uns etwas deutlich, was wir nicht verstehen. Wir gehen weiter und ein zweiter Händler hält uns an und macht uns ganz deutlich, dass wir in die Richtung nicht weiter gehen sollen. Als wir es zunächst doch überlegen, hält er uns fest und macht seine Meinung noch deutlicher. Wir drehen um und auch der erste Händler nimmt das wahr. Nach wenigen Metern sind wir wieder auf der Hauptstraße, dort geht das Geschäftsleben munter weiter. Heute Abend heißt es dann packen, den Wagen ölen und früh schlafen gehen, denn morgen geht es weiter.

Uebrigens: Vor 100 Tagen waren wir noch in Deutschland!

Nach 100 Tagen - unsere Erfahrung mit den Produkten

1. Mäntel vom Rad und Wagen:

Continental Travel Contact und Rubena (20 für den Wagen) sind nach 3500 km kaputt.












2. ABUS-Schkösser

Bügelschloss:

Von der Sicherheit super, aber hoher Wartungsbedarf bei Regen. Ohne regelmäßiges und massives Ölen geht gar nichts mehr
Zahlenschlösser für Gepäcksicherung: im Alltag sehr gut, da die Taschen nicht einfach vom Rad genommen werden können. Aber auch hier hoher Wartungsbedarf. Und: die Zahlen sind anfällig gegenüber Regen und dann kaum lesbar.

3. Magura
Die Bremsen sind super, auch unter massivem Regen. Der Schnellverschluss ist super für die Reperaturen von Reifen. Blemsklötze noch nicht ausgewechselt nach 5000km

4. Ortlieb
Das Rollprinzip von Ortlieb ist anfällig bei starkem Regen: es läuft auch dann Wasser hinein wenn es drei-viermal gerollt ist. Die Klassik ziehen das Wasser über die Schnüre. Bei schlechtem Wetter braucht es innen extra Packsäcke (von Ortlieb.....)
Der Klickverschluss der Lenkertasche lässt nach so dass er manuel bedienst werden muss.

5. Tacho M 10.0
Der Tacho wird auf die Halterung gedreht, diese Konstruktion ist nach 5000 km bereits kaputt gewesen, so dass der Tacho abfiel.

6. Robens Lemon Grey Zelt
Das Zelt selbst ist für unsere Zwecke ideal: Innen- und Außenzelt sperat auf- und abbaubar. Platz vorne und hinten, gute Höhe. Aber: es ist so dicht, dass sich Kondenswasser bildet, so dass das Innenzelt geöffnet sein muss wenn der Temperaturunterschied zu groß zwischen Innen- und Außenzelt wird. Folge: es wird wirklich kalt. Das Außenzelt hat einen Konstruktionsfehler: es ist an den Ecken zu kurz geschneidert, so dass das Wasser auf das Innenzelt läuft.

7. Schimano-Radschuhe
Sind super, auch bei extremsten Regen. Aber: an der Spitze löst sich das Material.

8. Kocher Trangia
Ist ein klasse Kocher, gerade auch das Multifuel. Aber: der Gaskocher hat nach einem Jahr seinen Geist aufgegeben. Es kommt Gas, aber keine Flamme entzündet sich, bzw sie geht direkt wieder aus, auch nach mehrfahcher Reinigung. Bisher Benzin ohne Probleme.

9. Trangia Multi-Disk
Was würden wir nur ohne machen! Super um die Nudeln abzugießen, das heiße Wasser kommt inzwischen immer in die Thermoskanne.

10. UCO Candle Lanterns
Die Zeltkerze ist sehr gut konstruiert, sowohl Licht als auch Wärme. Aber: die Größe der Kerze ist nur als Original zu bekommen, sonst nicht. Als Origina außerhalb von großen Outdoor-Läden nicht zu kriegen. Dünne Kerzen machen mehr Arbeit als Wärme und Licht. Dicke Kerzen müssen zurecht geschnitten werden und bei schlechter Qualität rußen sie. Dennoch: wir würden nichts anderes nehmen, aber das Innenleben des Systems müsste auf variable Dicken verändert werden.

11. Zeltunterlage
Auch wenn die LKW-Plane groß ist, ohne ginge es kaum.

12. Geld

8.-11. November - 100, 101, 102, 103

10. und 11. November  Şanlıurfa ([ʃanˈlɯuɾfa], arabisch ‏الرها‎, DMG ar-Ruhā, kurdisch Riha, syrisch-aramäisch ܐܘܪܗܝ Urhoy)
 
Heute morgen beschließen wir, dass wir noch einen Tag länger in Şanlıurfa (arabisch ‏الرها‎, DMG ar-Ruhā, kurdisch Riha, syrisch-aramäisch ܐܘܪܗܝ Urhoy) bleiben. Wolfgang hat sich aus dem Essen irgendwas eingefangen und liegt daher mit leichtem Fieber und Durchfall im Bett. Außerdem wollen wir uns unbedingt Göbekli Tepe, die älteste bekannte Tempelanlage der Welt, anschauen. So gehen wir heute nur am Nachmittag für einen kurzen Spaziergang in die Stadt, die sehr schön ist.


Wir gehen durch das Gassengewirr vorbei an lauter kleinen Geschäften und noch kleineren Gassen, aus denen einen immer Kinder und Katzen anschauen.


Die Stadt ist so alt, dass sich die verschiedenen Kulturen und Einflüsse noch wiederspiegeln.


In allem eine bunte Mischung an Kleidung und Kopftüchern, wobei die Männer beinahe öfters eines tragen als die Frauen. Hier ist es üblich, auf kleinen Hockern sich sein Essen selbst zu „bauen“, man entscheidet sich für einen Fleischspieß, das obligatorische Grünzeugs und das Brot liegt auf dem Tisch, ebenso Messer und Brettchen. Zunächst dachten wir, dass das nur für die Touris gemacht ist, aber es sitzen alle möglichen Menschen auf den Höckerchen.
Anstrengend bleiben die Kinder, die mit lautem „Hello, hello, money, money“ hinter uns her laufen. Inzwischen, heute ist ja der 11.11., antworten wir ab und an mit „Alaaf“. Vielleicht nicht ganz nett, aber nach dem 30. „Hello, hello, money, money“ geht uns ein wenig die Empathie ab. Dennoch ist die Zahl der Straßenkinder überschaubar, es scheinen eingeteilte Reviere zu sein, die um das Hotel herum kennen wir bereits und sie uns und wir werden in Ruhe gelassen. Bei allen anderen ist ein Teil einfach auch das so andere Aussehen von uns, vor allem von Gunda.
Am Abend bereiten wir die weitere Reise vor, suchen gute Karten für den كۆماری عێراق und den ايران und wollen mal eben die Tabelle verschicken. Das Mal eben wird eine abendfüllende Aktion, weil das mit dem Adressen nicht klappt. Irgendwann haben wir es raus, und nun wird es in Zukunft leichter. Wir genießen die freie Zeit, in der wie solche Dinge und auch die gesamte Wäsche waschen in Ruhe tun können.
Heute wollen wir endlich Balıklıgöl aufsuchen, wo ‏إبرَاهِيم der Legende nach mitsamt den glühenden Kohlen auf denen er wegen seines Glaubens verbrannt werden sollte, wieder gelandet ist. Die Kohlen sind nun Karpfen. Überhaupt ist die Stadt so etwas wie ein Zentrum religiöser Pilger aller drei abrahamitischer Religionen, wenngleich die christlichen Kirchen allesamt zerstört sind bzw. die einzige existierende als Gefängnis genutzt wurde und nun auch noch kaum auffindbar ist. Heute sind wir dann zur Tempelanlage gefahren,


die ungefähr 16 km außerhalb auf dem höchsten Teil des Gebirges nördlich von Şanlıurfa liegt,

Eine beeindruckende Anlage, die älteste bekannte, ungefähr 11.000 Jahre alt. Es sind Pfeiler mit Reliefs zu erkennen.


Wir werden sehr dezent von einem Jungen geführt. Es ist eine Anlage, die als solche atemberaubend ist und zudem noch in einer wunderschönen Landschaft.


Nett ist, dass dort extra Kamele für die Touristen liegen, die sich von uns aber nicht weiter stören lassen.


9. November Birecik nach Şanlıurfa ([ʃanˈlɯuɾfa], arabisch ‏الرها‎, DMG ar-Ruhā, kurdisch Riha, syrisch-aramäisch ܐܘܪܗܝ Urhoy), 84,24 km, 5249,5 Gesamt km

Datum: 9.11.10
Tag: 101
TagesunterstützerIn: "Basisgeminde Frankfurt
c/o: Dr. Thomas Seiterich"
von: Birecik m NN 381
nach: Sanli Urfa m NN 535
km 84,24
Gesamt km 5183,2725 km/h: 11,25
Fahrzeit 07:29
gesamte Fahrzeit: 391:09:00
Anstieg in m pro h 139,91
Anstieg in m 1047 Abfahrt in m: 893
höchster Punkt in m NN 817
Steigung/Gefälle 2,30 
Heute fahren wir in der Morgensonne über den Firat und dann direkt den Berg hinauf zum ersten Pass. Die Gegend ist komplett für die Landwirtschaft genutzt, überall Felder und wieder riesige Plantagen. In der Ferne sehen wir den Birecik-Staudamm,

der als letztes in dem Großprojekt fertig geworden ist. Nun stehen immer noch einige Staudämme aus.
Selbst auf dem Pass sind Felder, wenngleich dort nur ein Stück Wald ist. Wenn Wald gepflanzt wird, dann wächst er auch. Es ist extrem windig und so kämpfen wir uns gegen den Wind und bekommen – obwohl es bergab geht – nur einen Schnitt von 10 km/h. Wir kommen durch ein Dorf und füllen unsere Wasservorräte beim Laden auf. Seit Tagen haben wir schon keine Quelle mehr gesehen. Wir bekommen einen Tee angeboten und haben so die Möglichkeit, ein wenig mit Ruhe das Dorf anzuschauen. Der Laden ist auf der Seite der Moschee und zum ersten Mal ist der Kühlschrank davor vergittert und abgeschlossen. Eine Gruppe von kleinen Schulkindern steht neugierig in einiger Entfernung und schaut uns an. Gegenüber sind Kinder in demselben Alter, die keine Schuluniform tragen und vor einem Haus sitzen, das am Eingang zur Straße ist, die auf einen Hügel führt. Männer, die aus dem Bus aussteigen, wechseln die Straßenseite, um an dem Hügel nicht direkt vorbeizugehen. Wir nehmen das wahr und fahren nach dem Tee weiter. Es ist eine Gegend, in der wieder die Tankstellen alle verfallen sind. Nach einer Weile finden wir eine mit Restaurant und kommen an der Schule vorbei die gerade zur Mittagszeit aus ist. Es rennen eine Schar von Schülern schreiend hinter uns her und wieder fliegen die Steine. Wir fragen uns langsam, was das eigentlich soll und merken, dass wir mit der Freundlichkeit der Erwachsenen immer weniger anfangen können, wenn die Kinder Steine werfen. Gestern sind wir auch an drei Jungs vorbei gekommen, die die Taschen voll Steine hatten, sich dann aber doch nicht getraut haben zu werfen.
Nach dem Mittagessen fahren wir durch eine kargere Gegend, in der es auch Schneekettenpflicht gibt. Dennoch gibt es Felder und Plantagen, aber sie sind weniger groß oder immer wieder durch Steine und Berge unterbrochen. Zum Teil ist es aber auch nur noch Steppe. Je weiter wir nach Osten kommen, desto häufiger wird die Steppe - zugleich sehen wir, dass das Bewässerungssystem nicht mehr mit den Viadukten funktioniert, sondern unterirdisch gelegt ist. Der Wind ist immer noch sehr stark und wir werden über Tal und Hügel geführt. Wir entscheiden, bis Şanlıurfa (arabisch ‏الرها‎, DMG ar-Ruhā, kurdisch Riha, syrisch-aramäisch ܐܘܪܗܝ Urhoy) zu fahren, auch wenn es dann dunkel sein wird. Kurz vor Urfa ist die Landschaft nur noch Steppe und sehr hügelig. Es ist eine fast unwirkliche Landschaft, nochmal verstärkt durch das Licht der untergehenden Sonne. Wir fahren nach Urfa hinein und finden ein Hotel, wo wir die Räder im Hotel unterbringen können – wenngleich der Manager darüber nicht froh aussieht.

8. November Gaziantep nach Birecik, das alte Birtha (syrisch-aramäisch für Palast), 64,39km, 5165,1 Gesamt km

Datum: 8.11.10
Tag: 100
TagesunterstützerIn: "Basisgeminde Frankfurt
c/o: Dr. Thomas Seiterich"
von: Gaziantep m NN 862
nach: Birecik m NN 381
km 64,39
Gesamt km 5099,0325 km/h: 15,7
Fahrzeit 04:06
gesamte Fahrzeit: 383:40:00
Anstieg in m pro h 64,63
Anstieg in m 265
Abfahrt in m: 746
höchster Punkt in m NN 876
Steigung/Gefälle 1,57

Der Weg aus Gaziantep ist leicht und angenehm. Doch zunächst frühstücken wir wieder im obersten Stockwerk und haben daher einen Blick auf einen großen Teil von Gaziantep. 


Das Frühstück ist insofern heiter, als dass die meisten Hotelgäste deutsche Männer auf Montage sind. Vor uns sitzt ein Vierertisch, die sich lauthals über die schlampigen Türken unterhalten. In der gesamten Türkei ist in Restaurants und allen Gebäuden (leider nicht in Hotelzimmern) Rauchverbot, über dieses setzen sie sich aber einfach hinweg. Es ist eine eher unangenehme Nachbarschaft, die zugleich uns aber auch immer wieder erheitert, weil sie so typisch deutsch ist. Etwas später kommen weitere Männer dieser Firma, die aber eine andere Position besitzen und auch woanders herkommen (die ersten aus Bayern und Sachsen, diese jetzt aus Nordrhein-Westfalen). Die Hemdträger warten, bis die anderen weg sind, bevor sie ein eher dezentes Gespräch starten. In der Nacht ist in der gesamten Straße der Strom ausgefallen, so dass überall Generatoren laufen. Auch das löst bei den vieren völliges Unverständnis aus. Wir kennen das ja bereits und benutzen weiterhin mutig den Aufzug. Das Hotel war insgesamt sehr angenehm.
Also fahren wir aus Gaziantep hinaus und immer an der neu in Betrieb genommenen Eisenbahnstrecke Gaziantep-Mossul entlang in Richtung Fırat. Es ist wieder eine Gegend, die sehr trocken ist und wo dennoch überall Bäume gepflanzt werden. Die Äcker sind alle gepflügt und fügen sich meistens den Felsen und Steinen, die es in Massen gibt. Es gibt eher wenige Häuser, dafür aber riesige Olivenplantagen. Es ist Olivenernte und am Straßenrand werden Säckeweise Oliven verkauft. Wir bekommen immer die Ernten mit, weil sie am Straßenrand verkauft werden. Auch in den kleinen Läden gibt es meistens nur, was gerade regional geerntet wird. Zum Mittag sind wir in einer Luxusvariante eines Tankstellenrestaurants – mit Hamam. Viele Tankstellen und viele Häuser sind verfallen und leer, in diesem Fall fordert die Autobahn parallel dann doch ihren Tribut. Je näher wir dem Fluss kommen, desto mehr Städte und Dörfer gibt es. Wir fahren durch eine Stadt, die an der Straße aus lauter unfertigen Häusern und vielen, vielen (Klein-)Kindern, die auf der Straße und an den Tankstellen sind. Wir fühlen uns nicht so richtig wohl und fahren weiter. Bei der Ausfahrt erahnen wir, dass die Stadt jenseits der Bahnlinie sehr schön sein muss. Auf den Eufrat zu zu fahren ist für uns doch ein besonderes Gefühl da Eufrat und Tigris so viel Zeit im Lernen der Religion eingenommen hat. Auch wenn wir gleichzeitig immer stärker den Eindruck gewinnen, dass eine symbolische oder eher spirituelle Erzählung und Begründung von Religionen doch deutlich friedensstiftender wäre als an konkreten geographischen Gegebenheiten festzuhalten, ist der Anblick des schnell fließenden Stromes als Fluss sehr schön und eben auch von den vielen Geschichten. Auch das hat seine eigene Ambivalenz.
Wir beschließen kurzfristig, dort zu bleiben da es ein ganz günstiges Hotelzimmer gibt und können so noch zum Fluss gehen.