Donnerstag, 20. Januar 2011

18.-20. Januar Teheran, 171, 172, 173

30 Dey 1389


Der Morgen ist kristall-klar und es fällt uns schwer, den Weg bergab einzuschlagen, bergauf zu gehen reizt bei der klaren Sicht. Aber unser Visum soll ja fertig sein und so wandern wir ein viertes Mal zur Botschaft, den Weg kennen wir auswendig. Zunächst werden wir nicht auf das Botschaftsgelände gelassen und sollen draußen warten. Dann dürfen wir hinein, nur um zu erfahren, dass das Visum nicht fertig ist und sie auch nicht wissen warum. Als wir durchaus hartnäckig nachfragen, wird deutlich, dass das Problem bei der Visa-Stelle liegt. Der bearbeitende Mensch in Teheran ruft für uns die turkmenische Botschaft an, die versprechen unser Visum schnell zu besorgen, wenn wir dann mit dem usbekischen Visum kommen. Ja wenn wir denn… Nun ist also der nächste 100% Termin am Sonntag. Dann könnten wir auch direkt zu den Turkmenen.
Wir gehen wieder von dannen und entscheiden bei den Kirgisen vorbeiszuschauen, die nicht weit weg sind. Dort stehen wir erst eine Weile vor der Tür rum, werden dann hereingeholt und finden uns in einer schönen Villa wieder. Dort wird uns viel von Kirgistan erzählt und auf einer Karte die Unterschiedlichkeiten der Natur erklärt. Das Formular ist schnell ausgefüllt, die Bank Melli zu finden, ist dagegen ein längerer Akt. Am Ende sind es je eine Stunde zu Fuß oder mit dem Taxi und Gunda ist in der Botschaft und verhält sich ganz ruhig, so dass wir auch nach 12 Uhr noch unseren Antrag abgeben können. Dieser ist in fünf Arbeitstagen fertig und es hört sich so an, als sei dem auch so.
Wir laufen den bekannten Weg zurück, in der Regel schneller als die Autos, die schon im Wochenendstau stehen. Auch durch das regelmäßige Laufen wird er nicht kürzer, aber wir entdecken die Fortschritte an den Stahlbauten am Wege. Inzwischen ist es so dunstig, das die Berge kaum noch zu sehen sind. Im Hotel angekommen, trinken wir einen Kaffee und entdecken, dass Reza uns für den Abend einlädt. Darauf freuen wir uns sehr und suchen nach einem Mittagsschlaf die Adresse der katholischen Gemeinde in Teheran, denn uns würde ein Gespräch ja doch sehr interessieren. Mit vereinten Kräften von Reza und Sigrid finden wir die richtige Adresse.
Wir sind wieder auf dem Weg zum kaspischen Restaurant, das aber wieder geschlossen ist. Dann geht es weiter zu iranischen Außenministerium,

das in einer Gebäudeansammlung




steht, die von Deutschen gebaut worden sind. In diesem Zusammenhang erfahren wir eine andere Perspektive auf die Begeisterung, mit er wir als „Deutsche“ aufgenommen werden. Ganz konkret in Teheran sind viele Gebäude und Straßen mit der Hilfe von „Deutschen“ zu Hitlers Zeiten gebaut worden, so dass die Assoziation des Bauens ist und die, ein „System“ in die Stadt zu bringen, die so schnell gewachsen ist, dass die Bebauung nicht hinterherkam. Zugleich erfahren wir auch, dass die meisten aber schlichtweg keine Ahnung haben, was sie sagen. Wir erleben wieder einmal mehr, dass wir uns wie in einem Puzzel bewegen, wo wir immer wieder einmal ein Teil an das andere legen können und dennoch kein Gesamtbild erahnen.
Nachdem wir uns den Platz und die Architektur und auch weitere alte Häuser angeschaut


haben während die Kurrierdienste versuchen, mit Feuern an der Straße sich gegen die kalte Nacht zu wärmen,


finden wir im Süden ein Restaurant in ersten Stock. Es ist ein Selbstbedienungsrestaurant und brechend voll.


Das Essen ist sehr gut, ganz anders als alles, was wir bisher hatten.




Übrigens: Vor 150 Tagen waren wir in Slowenien!

Nach dem Frühstück, das gut ist!, folgt ein erneuter Anruf bei der usbekischen Visa-Stelle. Sie wissen noch nichts, aber morgen zu 99% ist das Visum fertig. Damit sind wir frei für den Tag und laden uns am Abend wieder bei Rieke und Thorsten ein. Wir fahren zum برج آزادی, auf dem Weg kommen



wir bei einem der vielen Bäcker vorbei, der uns auch in der Backstube fotografieren lässt.







Beim Turm selbst sind wir zwar in der Mittagspause, aber können dennoch die Architektur genießen.



Der Himmel ist blau solange wir direkt nach oben schauen, ansonsten hat sich schon wieder der Smog über die Stadt gelegt und die Berge sind nicht zu sehen. Auf dem Weg zum Turm sehen wir seit langem mal wieder Roma-Frauen, die hier als Wahrsagerinnen arbeiten und einen regen Zulauf haben. Währenddessen gehen die Töchter der Arbeit nach.
Der Schnee ist hier im Süden schon fast wieder Geschichte und die Sonne wärmt wieder. Auf dem Weg zurück kaufen wir noch Gemüse fürs Abendessen ein,


wohlwissend, dass es sicherlich fürchterlich gespritzt ist.



Den Weg zu Rieke und Thorsten finden wir mit dem Bus, unser zweites und erfolgreiches Busexperiment auch wenn es streckenweise zu Fuß schneller wäre in der abendlichen Rush-Hour. Wir kochen gesund Gemüse mit Nudeln und genießen den Abend in Radfahrenden-Gemeinschaft.

Datum: 18.1.11
Tag: 171
TagesunterstützerIn:
von: Teheran m NN 1192
nach: Teheran m NN 1168
km 4,74
Gesamt km 7711,1054
km/h: 13,3
Fahrzeit 00:21
gesamte Fahrzeit: 590:01:00
Anstieg in m pro h 60,00
Anstieg in m 21
Abfahrt in m: 45
höchster Punkt in m NN 1242
Steigung/Gefälle 1,39

Der Weg zur Verlängerung des Iran-Visums am frühen Morgen eröffnet uns den Blick auf die schneebedeckten Berge, den wir in der Klarheit noch nicht hatten. Wir laufen eine Weile parallel zu den Bergen und müssen darauf achten, dass wir nicht in Menschen oder Autos laufen, weil der Anblick so schön ist. In der Visums-Stelle ist es leer und innerhalb von zwei Minuten bekommen wir unser Visum in der dritten und kompletten Verlängerung ausgehändigt. Nun geht der Ärger mit dem usbekischen Visum weiter. Das Telefon ist um 9:00 nicht besetzt, um 9:10 besetzt, um 9:15 weiß keiner von nichts, um 9:30 auch noch nicht, wir sollen morgen noch mal anrufen.
Also gehen wir zurück ins Hotel und ziehen dort aus. Die Gegend ist wirklich schön, aber das Hotel für den Preis einfach unmöglich. Im Hotelzimmer reparieren wir noch unsere Reifen mit Spüli. Wir sind fasziniert, wie sich der geklemmte Mantel einfach wie nichts herausschiebt und die Reifen wieder eben sind. Dass es so einfach ist, hätten wir nicht gedacht! Außerdem starten wir den Teil 1 der Dokumentation iranischer Biersorten.



Wir fahren durch die Stadt, es ist wieder einmal gut möglich hier zu fahren, in allem Chaos sind die Autofahrer rücksichtsvoll und beinahe langmütig. In unserem neuen Hotel werden wir sehr freundlich aufgenommen und bekommen eines der großen Zimmer, weil Radfahrende immer so viel Zeugs dabei haben. Die Räder stehen im Keller und so haben wir in der Tat Platz im Zimmer. Es liegt sogar ein Teppich und das ist ja fast wie ein zusätzlicher Raum. Wir haben wieder Internet und im Gebetsraum stehen zwei weitere Computer. Als Wolfgang einen dieser benutzt, wird er erst gefragt „where do you come from“ bevor die Belegschaft ihr Abendgebet beginnt. Der muslimische Glaube ist in seiner Praxis immer wieder von einer herrlichen Pragmatik und zugleich Innerlichkeit geprägt, die uns immer wieder erstaunen lässt.
Den Nachmittag verbringe wir mit Internetrecherchen, E-Mails und einem Mittagsschlaf um am Abend dann Reza B. zu treffen


, der uns unter anderem auch die Usbekistan-Karte mitbringt. Es kommt Hamid K. mit, ein Freund von ihm, der unser Ansprechpartner war, als Reza noch in Hamburg war. Wir gehen in ein Kebab-Restaurant, das uns von unserem Kebab-Schock erholt. Das Essen ist hervorragend und die Atmosphäre schön. Es ist ein spannender Abend mit vielen Gesprächen über den ايرانund Deutschland. Wir gehen noch eine Weile spazieren und erfahren vieles über تهران‎, seine Architektur und sehen das neue Regierungsgebäude, das sehr an den Louvre erinnert. Wir kommen am Fischbasar vorbei, der jetzt gegen 22:00 dabei ist zu schließen. Wir bewundern die Fische aus dem persischen Golf, riesige Exemplare und Sorten, die wir noch nie gesehen haben. Obwohl es spät ist und die Müdigkeit die verkaufenden Männer zeichnet, zeigen sie uns voller Stolz ihre Fische.
Bisher unveröffentlichte Notizen:
Das Staatsfernsehen zeigt die Bilder aus Kairo immer parallel mit den Bildern der Islamischen Revolution, zum Teil im direkten Übergang so dass nur die Fahnen sagen welches Land gerade gemeint ist. Je näher der Revolutionstag rückt, desto präsenter werden Propaganda-Filme in den U-Bahnhöfen (so nennen es die Iraner selbst). Viele verdrehen die Augen wenn der Film läuft.
Übrigens: hier gibt´s Tips für NachahmerInnen!

Visum Kirgisistan


Das Visum für Kirgisistan
besorgen wir in der Botschaft in Teheran (Pasdaran Ecke Nuriyan / bei der Tankstelle)

30-Tage-Visum (wird datumsgenau eingetragen!)
Bearbeitungsdauer 5 Werktage 65 US$, einzuzahlen bei Melli-Bank (Pasdaran Ecke Bustan-e-Sheshon) Einzahlungsgebühr ca 4 US$
Pass wird einbehalten!

(Exressvisum wär 2 Arbeitstage und 115 US$)

notwendig:
Kopie der Hauptseite des Reisepassses
2 Passfotos (auch ohne Kopftuch)
Consular Certificate

Wir müssen die Einreise nach Kirgisistan wegen des Schnees im Pamir verschieben. Die Botschaft in Dushanbe kann das Datum nicht ändern, stellt aber sofort für 80 $ ein neues 14-Tage-Visum mit dem neuen Datum aus. Die Gebühr ist bei der ORIENBANK einzuzahlen.

weitere Tips gibt´s hier!

Dienstag, 18. Januar 2011

15.-17. Januar , Teheran- 168, 169, 170

27 Dey 1389
 
Nach einem guten und gemeinsamen Frühstück wandern wir gen Süden zur usbekischen Botschaft. Wir haben heute den Termin, um unser Visum abzuholen, schließlich zahlen wir einen ziemlich Happen mehr für die Expressbearbeitung. Wir erreichen das zugige Treppenhaus und unsere Pässe werden eingesammelt. Wir hören eine Faxleitung und dann heißt es, es hätte eine Anfrage gegeben und es hätte eine Information gefehlt und die wäre nun gegeben und sie würden das mit dem Visum nun bis morgen überdenken. Wir mögen doch bitte morgen um 9:00 anrufen. Unverrichteter Dinge gehen wir wieder weg und trinken einen Kaffee. Wir überlegen, was wir nun machen, denn das turkmenische Visum hängt davon ab. Als erstes werden wir uns ein anderes Hotel anschauen. Wir sind sehr froh, dass wir gestern Abend „versackt“ sind und so nicht umsonst den langen Weg nach Norden gemacht haben. Nachdem wir so viel über das Busfahren gehört haben, finden wir, dass heute der Tag der neuen Erfahrung ist. Wir gehen an die Bushaltestelle, wo eine Frau bereits wartet und fragen sie nach dem Bus zur Metro. Sie möchte da auch hin. Nach zehn Minuten kommt der erste Bus, zu dritt gehen wir erwartungsfroh zum Bus, auch sie muss den Fahrer fragen. Es ist der falsche Bus. Wir warten weitere zehn Minuten, der richtige Bus kommt. Frauen sitzen hinten, Männer vorne. Es gibt Ausnahmen. Die letzte Reihe Sitzreihe der Männer scheint variabel zu sein, dort sitzt bereits eine Frau und ich werde dazu gewunken. Durch die Frau ist der Platz für Männer nicht mehr besetzbar. Wir fahren im Schritttempo und Stop and Go durch den dichten Verkehr und steigen zu früh aus. Dennoch: wir haben es geschafft!
Im Süden der Stadt finden wir sehr schnell das Hotel und können uns mit dem Manager auf einen Preis einigen. Nun müssen wir nur noch wissen, ob wir unser Visum abholen können oder nicht und davon hängt dann der Umzug ab. Das Hotel ist zwar deutlich einfacher in der Zimmerausstattung, dafür sauber, freundlich, mit Internet und einer Küche, bei der es einen weder ekelt, das Frühstück zu essen noch den eigenen Topf auf den Herd zu stellen.
So fahren wir ermutigt zurück zu unserem Hotel, kaufen frisches Brot, holen den Blog von drei Tagen nach und haben für heute genug erlebt und gesehen. In den letzten zwei Wochen sind die Preise um das Vielfache gestiegen und es ist bei jedem Einkaufen zu spüren, das Brot ist nun doppelt so teuer.

Bisher unveröffentlichte Notizen:
Wir sprechen immer wieder mit jungen Menschen, die im Grunde weg wollen, aber eher wegen der Familie da bleiben. Immer die Frage nach dem Ausland und die Frage danach wie wir den Iran wahrnehmen. Oft wirkliches Interesse




Heute vor 20 Jahren ist das Ultimatum des zweiten Golfkrieges abgelaufen und wir sind unterwegs zur zweiten Visumsverlängerung. Geschichte ist hier immer wieder so präsent, dass die Frage, was eigentlich gestern und heute ist und wie morgen aussieht sich beinahe vermengen könnte.
Wir finden das Bürogebäude sehr schnell und entdecken, dass da mittlerweile der Geheimdienst verortet ist. Uns bleibt nichts anderes übrig, als dort zu fragen, wo wir denn nun mit unserem Visum hin müssen. Uns wird die richtige Adresse in Englisch und in Farsi aufgeschrieben und nachdem das mit dem Stadtplan nicht so klappte von einem Militär zum nächsten Taxi begleitet und fahren mit dem Taxi an die neue Adresse, die recht nah an unserem Hotel ist. Die Prozedur geht sehr schnell und freundlich und wir können die Verlängerung schon in zwei Tagen abholen. Damit haben wir gar nicht gerechnet. Wir stapfen wieder in den Schnee hinaus, der uns heute morgen begrüßt hat, und machen uns auf den Weg in den Norden. Wir treffen uns mit Rieke und Thorsten, die am 1.8. 2010 in Münster mit dem Rad gestartet sind und nun auch in Teheran sind. Eigentlich wollen wir vorher ins Museum, aber durch das Hin und Her ist es dafür zu knapp und wir entscheiden, da wir einmal da sind, spontan bei den Tadschiken zu klingeln und unser Visum abzuholen. Im Norden ist es richtig verschneit und die Straße sieht aus wie in einem Wintermärchen. Die Öffnungszeiten sind schon lange vorbei, aber der Visums-Mann hat so einen netten Eindruck gemacht und es wirkte alles eher unkompliziert, dass wir einfach klingeln. Nach einer Weile reagiert jemand und bittet uns eine halbe Stunde zu warten, da sie gerade essen würden. In der Zwischenzeit hat jemand sein Auto gegenüber der Botschaft in den Schnee gefahren und ein zweites Auto steht davor und kommt nicht weiter. Es kommt ein Kind aus der Botschaft mit Schneeschaufel und aus dem Nichts tauchen zwei Männer auf, die das Auto wieder frei schaufeln. Am Ende sind beide Autos in der Botschaft und die beiden Männer ziehen weiter auf der Suche nach Menschen, die ihnen den Auftrag des Schneeschaufelns geben. Die Rufe dieser und ganzer Gruppen von Männern sind überall zu hören. Wir bekommen tatsächlich unser Visum mittags um 14:30 ausgehändigt!
Es stellt sich raus, dass Rieke und Thorsten unmittelbar bei der Botschaft leben und so können wir nach einem Einkauf in ihrer schicken Wohnung Lasagne kochen und Salat machen. Wir schlemmen den ganzen Abend mit Lasagne, Salat und Eis, Bier mit Granatapfel und Limone, sehnen uns nach einem Glas Rotwein – Riekes Mutter fragt am Telefon, ob es denn nicht geht, im Restaurant wenigstens ein Glas Rotwein zu bestellen? – tauschen unsere Erfahrungen aus, die frappierend ähnlich sind. 


Es tut uns gut, nach so langer Zeit, am Tisch mit Menschen zu sitzen, die so ähnlich leben und sich fortbewegen und reflektieren.


Wir verquatschen uns, so dass wir dort übernachten da nicht sicher ist, ob wohl noch eine U-Bahn fährt.

Bisher geheime Notizen:
Im Grunde ist die Angst immer mit, beim Sprechen,Schreiben, immer die Frage: hört jemand mit?

25 Dey 1389 

Inzwischen holen wir das Frühstück aus dem Keller ins Zimmer und essen wir oben. Das geht dann kopftuchfrei und außerdem mit Kaffee.
Anschließend steht das موزه هنرهای معاصر تهران auf dem Programm, das architektonische beeindruckend ist. Es ist innen in einer Spirale gebaut, um die herum die Ausstellungsflächen verlaufen. Im Wandern durch die Ausstellung merken wir nicht, dass wir bergab geleitet werden und sind ganz erstaunt am Ende der Ausstellung in der Spirale zwei Etagen hoch geführt zu werden. Die Beleuchtung ist ursprünglich als Tageslichtbeleuchtung gedacht, die Fenster sind leider zugehangen. Die Architektur wirkt wie eine Mischung aus dem Guggenheim in New York und dem Museum Ludwig in Köln. Die Ausstellung stellt zwei führende iranische Künstler vor. Alle andern Kunstwerke sind nicht mehr präsent, nur noch drei Skulpturen erinnern an andere Zeiten. Eine Weile stehen wir vor eine Moore-Skulptur, die beinahe verlassen wirkt.
Anschließend sind wir wieder einmal auf der Suche nach einem W-Lan und fragen im nächsten Hotel, das uns lächelnd zu horrenden Preisen die Möglichkeit eröffnet. Wir lächeln frostig zurück und gehen unserer Wege gen Süden. Bald sehen wir ein Café, das Internet hat mit zudem guten Kaffee. Neben unseren Recherchen und Schreiben beobachten wir das Treiben im Café. Auf den Tischen stehen eigentlich „Verkehrsschilder“ wo Männer und wo Frauen sitzen soll(t)en, faktisch werden die Tische zusammengestellt für eine gemischte Gruppe von Studierenden. In der Ecke sitzen zwei frisch Verliebte, die über ihre Gespräche ihr Eis vergessen, das eine geraume Zeit braucht, bis es schmilzt (was wir fasziniert beobachten). Anschließend wandern wir weiter in den Süden, der in jeder Straße seinen Charakter verändert und nur in dem kontinuierlich ist, dass die Straßen immer voller und lebendiger werden. Wir kommen an vereinzelten Hochhäusern und den Hauptsitzen der Banken vorbei und steigen schließlich am Imman Khomeini Platz, dem Platz im Süden, in die U-Bahn und werden mit Massen wieder „ausgespült“. Wir suchen einen Laden, der Passfotos macht, finden einen dessen Besitzer fließend deutsch spricht. Die Fotos entsprechen nicht der Sprachqualität, reichen aber fürs Visum aus (mal wieder Kopftuchfotos). Zwischen den einzelnen Schritten des Bearbeitens, Druckens, Kassierens guckt der Besitzer immer wieder gebannt auf den Fernsehschirm: Iran spielt gegen ???. Als es beinahe ein Tor gibt, bleiben alle anderen Handlungen stehen und sind unwichtig – wir sitzen derweil und warten.
Übrigens: Vor 100 Tagen waren wir in der Türkei

Bisher geheime Notizen:
Im Rahmen des Revolutionstages ist das Internet sehr zensiert. Kein Google, keine SMS, kein Blog etc.

Samstag, 15. Januar 2011

13. und 14. Januar , Teheran- 166, 167

24 Dey 1389, Teheran (persisch ‏تهران(Tehrān) /teɦˈrɔːn/)

Heute ist Freitag und wir sind zum Mittagessen eingeladen. Das Wochenende im ‏ايران‎ besteht nur aus dem Freitag und alle Freizeitaktivitäten knubbeln sich. Wir hätten auch mit „unserer“ Radfahrfamilie einen Ausflug machen können oder Rieke und Thorsten, die ja auch in Teheran sind, besuchen können. Wir aber freuen uns sehr auf das Mittagessen und schaffen es, Blumen zum einheimischen Preis zu kaufen, indem wir so lange an der Blumentheke uns rumdrücken bis ein bestellter und bezahlter Strauß unseren Vorstellungen entspricht und wir dann sagen können: wir wollen diesen Strauß zu demselben Preis!. Das klappt und so wandern wir mitsamt Strauß wieder ins Hotel. In unserem Zimmer hat der Ameisenstaat, wahrscheinlich angeregt von unserer Putzaktion gestern, entschieden, Frühjahrsputz zu machen. Immerhin sind die Ameisen, die neue Straßen in die Zimmermitte ausprobieren sollten, unverrichteter Dinge wieder zu ihren alten Wegen zurückgekehrt, so dass wir unsere Taschen lassen können wie sie sind. Nun wird also der Ameisendreck vor dem Bau immer mehr, dafür sind die meisten Ameisen kurzfristig von der Straße runter. Es sind kleine Ameisen, die sich emsig durch die Mauer graben. In den letzten zwei Wochen ist der Preis für Heizung und Strom um das Vierfache gestiegen und für Benzin um das Zehnfache (von 7 auf 70 €Cent/ltr.). Wir sind froh, dass im Hotel die Heizung weiterhin an ist.
Unser Mittagessen ist sehr schön. Wir sind immer wieder froh, durch solche Einladungen einen Eindruck in das Denken und Fühlen der Iranerinnen und Iraner zu bekommen und gerade weil die Menschen so unterschiedlich sind, die uns einladen, ergeben sich viele Bilder. Diesmal ist es eine Familie, er hat in Deutschland studiert und sie promoviert gerade. Die Tochter ist um die sechs und taut nach einer Weile ein wenig auf, was Spaß macht zu beobachten. 


Wir unterhalten uns lange und angeregt über die Perspektiven von Europa und vom ايران‎ aufeinander und über die Bilder, die sich über Medien und Politik ergeben. Nach einem guten Essen muss er wieder zur Arbeit zurück und wir gehen in den Laleh-Park, eine der vielen wunderschönen Parkanlagen hier. 


Im Sonnenuntergang fangen die Berge an zu leuchten 


und viele Bäume ebenso. Unser Ziel ist das موزه هنرهای معاصر تهران, das leider (schon) zu hat. So laufen wir zum Hotel in der einsetzenden Dunkelheit mit dem Gesang der ‏مؤذّن zurück.
Bisher unveröffentlichte Notizen:
Legal und illegal geht Hand in Hand: privat ist das Leben diametral zum öffentlichen Leben. Alkohol, Satelit, Proxy-Programme, kein Kopftuch etc. Auf der Straße dann die Grenzen testen, aber immer im Rahmen der Gesetze. Jeden Tag werden 10 Leute hingerichtet. 

23 Dey 1389, Teheran (persisch ‏تهران(Tehrān) /teɦˈrɔːn/) 

Auf unseren Fahrten gen Norden kommen wir immer wieder an der U-Bahn-Station „Mossala“ vorbei, auch in تهران gibt es also das Bauvorhaben einer riesigen Moschee. So entscheiden wir nach der üblichen Aufteilung des Frühstücks, uns diese anzuschauen. Die Sonne scheint und die Berge sind zu sehen. Die Baustelle der Moschee ist leider längst nicht so beeindruckend wie die in ‏اصفهان und so wandern wir nach einer kurzen Orientierung in unserem Stadtplan weiter. 


Unser Ziel ist ein Supermarkt, den wir bald finden und von dem wir - wieder einmal – erstaunt sind, wie relativ Preise im ‏ايران sind. Obwohl wir uns mit „westlichen“ Köstlichkeiten eindecken (Müsliriegel und so weiter), zahlen wir noch nicht einmal doppelt so viel wie in unserem letzten Spätkauf für iranische Alltagslebensmittel. Wir befinden uns in einem Stadtteil Teherans mit vielen Hochhäusern nahe am Messegelände und einer relativen Konzentration von Nobelhotels. Da unser Hotel nach wie vor die Internetverbindung nicht aktiviert (kriegt), suchen wir eines dieser Hotels auf. Dort gibt es kostenloses W-Lan, da jedoch das Café für eine Veranstaltung geschlossen ist, setzen wir uns in die Lobby, trinken einen Kaffee zur Internet-Arbeit und bekommen noch köstlichen Kuchen geschenkt, weil wir nicht ins Café können. Auch wenn der Kaffee (umgerechnet 7 Dollar) teurer wäre als ein Internet-Café, ist es weitaus komfortabler und wir können mit dem eigenen Laptop arbeiten.
Anschließend laufen wir gen Süden, um dort die eine oder andere Impression fotografisch festzuhalten. 


Das Wetter ist wunderschön, wenngleich es richtig kalt ist. Wir laufen erneut an der Kathedrale vorbei um die Krippe und ihre Umgebung zu fotografieren, 


ebenso das großflächige Marienbild gegenüber der Kirche. 


Manches bleibt für uns – vorerst. 

Bisher unveröffentlichte Notizen:
Besuch der kath Kirche in Teheran: auf einem extra Gelände mit Sportplatz und Nebengebäuden. Gehört zur Nuntiatur. Engl. Gottesdienst, kaum Katholen, viele Nationen. Einen Abend im armenien Club: dort wird mitgebrachter Alkohol in Hülle und Fülle von Herrschaften 70-90 Jahre zu sich genommen. Nur Hartes, kein Bier. Eher kein Farsi. 


Donnerstag, 13. Januar 2011

100 Dollar-Noten im Iran


100 US-$-Banknoten werden nur angenommen, wenn sie nach 1996 ausgegeben sind!

11. und 12. Januar 1011 - 164, 165

22 Dey 1389, Teheran (persisch ‏تهران(Tehrān) /teɦˈrɔːn/) 

Eigentlich wollen wir heute Museen anschauen, Fotos machen und die Stadt erkunden. Aber wir kommen ins Sprechen und haben dafür so selten wirklich Zeit, dass darüber der halbe Tag vergeht. Als die Mägen knurren entscheiden wir, irgendwo was zu kaufen und gehen die Straße entlang. Das Café unweit von uns hat leider kein W-Lan. Wir gehen weiter und kaufen in einem anderen Laden ein, was wir aber anhand der Preise bitter bereuen. Also werden wir wohl doch wieder in „unseren“ alten Laden gehen, auch wenn uns dann ein weiteres Gespräch über Hitler-Begeisterung ins Haus steht. Die Suche nach einer Bäckerei war auch erfolglos und es fängt so an zu schneien, das wir kurzentschlossen wieder ins Hotel gehen und den restlichen Nachmittag dort verbringen. Ein wenig haben wir das Gefühl, wirklich frei zu haben, denn die anderen beiden Visumsangelegenheiten können wir erst nächste Woche machen. Dennoch gehen wir am Abend noch einmal raus, auf der Suche nach einem Bäcker fürs Frühstück und einem Buchladen für ein neues Buch für Gunda. 

21 Dey 1389, Teheran (persisch ‏تهران(Tehrān) /teɦˈrɔːn/) 

Nach dem doppelten Frühstück, bei dem Wolfgang in der Regel die Spiegeleier von Gunda noch mit übernimmt und wir nach wie vor das Brot links liegen lassen, aber Butter und Marmelade für den nächsten Morgen horten, gehen wir auf die Suche nach einer Geldwechsel-Stube. Für die erste Bank ist es zu früh, die zweite empfindet unsere Dollarscheine als zweifelhaft und schaut ebenfalls zweifelnd auf die anderen, die wir bieten. Da wir wieder ganz in den Norden müssen, verlassen wir die zudem unfreundliche Bank und machen einen Kassensturz: fürs Taxi reicht es nicht, aber U-Bahn geht. Also fahren wir wieder nach Norden und steigen diesmal ohne Schnee und mit einem Stadtplan aus. Zudem sehen wir die Berge und sind daher voll orientiert. Es geht die Hauptstraße stetig bergauf, vorbei an vielen Geschäften und: einer Wechselstube. Dort mag man zwar unseren 100 Dollar-Schein von 1990 auch nicht, aber dafür die anderen schon. Nachdem wir an keiner Moschee vorbeigekommen sind, fragen wir nach einer Toilette und werden in einen Hossein-Festsaal im Keller geleitet. Das verblüfft uns immer wieder: in an Banken angeschlossene Wechselstuben finden einen Weg für eine Toilette so wie es im Irak nie ein Problem war, am Militär-Checkpoint die Toilette zu benutzen. Wir wandern weiter und erst nach einigen Kilometern und damit Höhenmetern liegt wieder Schneematsch auf den Bürgersteigen. Für uns mit den Radschuhen und ihren Klicks ist das eine absolute Rutschpartie, aber es geht problemlos, auf der Straße zu laufen. Nach etwas über einer Stunde erreichen wir die tadschikische Botschaft und die Visumsstelle ist draußen mit kleinem Dach und grünen Plastikstühlen an der Wand, in der ein minimales Fenster für die Kommunikation zu finden ist. Es ist ein ganz nettes und schnelles Visumsverfahren. Anschließend laufen wir in „unser“ Internet-Café unweit der usbekischen Botschaft. Es ist eine reiche Wohngegend, selbst die Straßen haben hier einen Wachposten und den Autos und Menschen ist ihr Geld anzusehen ebenso wie den Läden und Gebäuden. Dank unseres Stadtplans finden wir einen schnelleren Weg zur U-Bahn zurück, immer noch eine Stunde zu Fuß. Die Sonne scheint und die Berge sind zu sehen wenngleich über der 300-400m tiefer liegenden Stadt die Dunstglocke hängt. Wieder im Zentrum angekommen gehen wir ins Hotel und kaufen auf dem Weg in einem Laden ein, der vernünftige Preise hat, aber wieder einmal einen Hitler-Fan hinter der Theke. Das ist immer wieder eine schwierige Situation. Wenn unser Gegenüber kein Englisch kann, ist es leicht, denn dann können wir das Sprechen über ‏آریا unter „ich versteh nicht“ beenden, bei Hitler ist das schon schwieriger. Unsere Standardantwort auf „I am in love with Hitler“ ist dann „We are not!“. Und auf „He is a good man who did good“ “We don’t think like this / For us he is not / we do not agree”. Es ist und bleibt eine beklemmende Situation, in die wir nicht häufig kommen wollten.
Wir fahren ja mit einer EU-Flagge (und keiner Deutschland-Flagge) an Wolfgang´s Hänger. Aber so richtig klappt das nicht mit unserer Identität. In Bosnien und Herzegowina und im Kosovo steht diese Flagge für die Europäischen Truppen, in den kurdischen Gebieten in der Türkei wird die Flagge wie die kurdische begrüßt (es gibt schließlich EU-kofinanzierte Projekte mit dieser Flagge in Kurdistan/Irak), dafür werden wir Bosnien und Herzegowina von Jugendlichen mit „Heil Hitler“ begrüßt, ebenso im Irak und im Iran. In Serbien schreien Jugendliche „Serbia“ als sie unsere Flagge sehen. In Albanien hält man viel von den Deutschen, was uns aber nachdenklich stimmt, weil hier die deutsche Wehrmacht gemeint ist. Im Irak und Iran ist Hitler der große Star, weil er „stark“ ist und die „Arier“ bevorzugt. Überall im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten das Bemühen, die eigene Ethnie mit einer Macht zu verbünden, um schließlich auf der Seite der Sieger zu stehen und dadurch Autonomie und eigene Gebiete zu erlangen. So begegnet uns Hitler immer wieder positiv konnotiert als Macht, wo es sich lohnt, sich mit einem zukünftigen Sieger zu verbünden.
Je weiter östlich wir fahren, desto weniger ist die EU-Flagge überhaupt noch bekannt und auch Europäische Union ist ein Wort, das mit einem großen Fragezeichen belegt ist. Wenn wir sagen, dass wir aus Europa kommen, dann wird das mit fragenden Stirnrunzeln beantwortet. Eine andere Konnotation zu Deutschland ist Fußball, dort aber vor allem die Mannschaft von 1974 und natürlich die Produkte aus Deutschland. Interessant ist, dass die einzige Frage, die uns hier gestellt wird, ist: „Where do you come from?“. Es scheint das einzige zu sein, was wirklich zählt. Bei uns ebenso wie bei den Produkten, die benutzt werden. Es wird aufgezählt, was alles aus Deutschland, Japan, Frankreich, Italien oder sonst wo her kommt, überhaupt nicht jedoch betont, was aus dem Iran kommt. Stolz machen ausländische Produkte und das Erkennen ausländischer Produkte.