Donnerstag, 14. Oktober 2010

11.-14. Oktober 2010 - 072, 073, 074, 075

14. Oktober Bilecik (thrak. Agrilion, griech. Belikoma)
 
Der Morgen begrüßt uns mit strömenden Regen. Wir frühstücken im 7. Stock des Hotels und haben einen Blick hinaus, der eigentlich ein Nicht-Blick ist, denn es ist schlichtweg nichts zu sehen, so viel Nebel und Regen ist es. Was wir sehen, ist unglaublich: eine Treppe zur nächsten Straße sieht aus wie ein kunstvoll installierter Wasserfall, nur das Treppengeländer stört. Die Straße, die von der Hauptstraße abgeht, ist ein Bach geworden und das Wasser steht auf den Dächern. Selbst der für das Frühstück zuständige Mensch schaut kopfschüttelnd nach draußen. Da es W-Lan gibt (das Passwort auf dem Zettel wäre beinahe nicht erreichbar gewesen aufgrund von Seen vor der Rezeption, die so hoch sind, dass die Badlatschen nicht ausreichen), schauen wir uns die Wetterprognosen an und entscheiden morgen weiterzufahren. Es wird zwar immer wieder mal weniger mit dem Regen, es regnet nur ab und zu und dann wie aus Eimern, dafür ist die Luft mit 100% Luftfeuchtigkeit nun wirklich nicht trocken. So können wir den Zeltboden trocken bekommen und die Visumsanträge stellen. Vielleicht brauchen wir dann in Ankara nicht so viel Zeit. Denn die Internetwettervorhersagen sagen, dass es in zwei Tagen deutlich besser wird. Wir vertrauen darauf und nutzen den heutigen Tag für Internetsachen, Klamotten wieder in Ordnung bringen, Fahrräder ölen, Postkarten kaufen etc.
So gehen wir am Nachmittag in die Stadt, um einen neuen Mantel für den kaputten zu finden. Es wird eine lustige Odyssee durch die Stadt, da wir von einem Laden zum nächsten geschickt werden. Im zweiten Laden gibt es in der Tat Fahrräder, wenn auch im Lager über Waschmaschinen und Spülen und Gefrierschränken. Leider gibt es keine Ersatzteile. Der Besitzer schickt uns zum nächsten Laden. Inzwischen vertrauen wir den Waschmaschinen- und Spülmaschinen-Läden und gehen ganz forsch hinein, um auf englisch-deutsch-türkisch-pantomimisch nach Fahrrädern zu fragen. In einem Laden möchte man uns ein Rad für ein Kleinkind verkaufen, im nächsten ein Plastikungetüm mit Tierkopf, wohl auch um ein Kind hineinzusetzen. In einem anderen Laden erhellt sich das Gesicht der Verkäufers und er zeigt uns freudestrahlend eine Gemüsereibe mit Kurbel. Wir geben es auf und schreiben dem Fahrradhändler in Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]), dass wir in Ankara (früher Angora, antiker Name altgriechisch Ἄγκυρα Ankyra, lateinisch Ancyra) einen Radladen brauchen. Daneben suchen wir Postkarten, bekommen auf der Post fünf geschenkt und erstehen zwei Briefmarken. Immerhin haben wir also Postkarten mit Blumenmotiven, zwei Briefmarken, in einem Supermarkt finden wir Zahnseide und sogar eine Flasche Wein. Da es inzwischen wieder regnet, wollen wir den kürzesten Weg zurück nehmen und verlaufen uns in den nicht parallel angelegten Straßen und entdecken auf diese Weise die Treppe, die kurzfristig zur Wasserinstallation geworden war.
Wieder im Hotel geht es endlich an die Visa-Angelegenheiten, wobei unser sorgenvoller Blick immer wieder dem Wetter gilt.
13. Oktober Osmaneli - Bilecik (thrak. Agrilion, griech. Belikoma),40,94 km, 3974,1 Gesamt km

Datum: 13.10.10
Tag: 74
TagesunterstützerIn: Barbara Lins
von: Osmaneli m NN 93
nach: Bilecik m NN 516
km 40,94
Gesamt km 3921,5018
km/h: 9,82
Fahrzeit 04:10
gesamte Fahrzeit: 290:29:00
Anstieg in m pro h 108,72
Anstieg in m 453
Abfahrt in m: 30
höchster Punkt in m NN 567
Steigung/Gefälle 1,18
Keine Panne, dafür strömender Regen den ganze Tag. In der Nacht fängt es an zu regnen und hört nur kurzfristig auf. Unser schöner Platz im Obstgarten ist definitiv ein Schönwetterplatz, der frisch gepflügte Boden ist eine einzige Schlammebene geworden.


Im strömenden Regen und mit dem Matsch versuchen wir das Beste, um Zelt und Räder halbwegs vernünftig aus dem Schlamasel zu holen.


Das Zelt kann einzeln abgebaut werden, das Innenzelt kann zusammengerollt werden, auch wenn das Außenzelt noch steht. Das bewahrt das Innenzelt bis auf die üblichen Schwachstellen an den vier Ecken, die aber ausreichen um auch große Teile des Zeltbbodens beim Rollen zu verschlammen. Die Räder bekommen wir nur mit Mühe aus dem Matsch und nur dadurch, dass wir ein Rad nach dem anderen schiebend und ziehend über den Acker und den Weg ziehen.


Wir fahren bis zur nächsten Tankstelle in der Hoffnung auf ein warmes Restaurant. Das gibt es nicht, aber sofort einen Tee. Wir versuchen, unter dem Dach der Tankstelle die Schlammsituation zu überblicken, Regenzeugs auszupacken und das Schutzblech an Gundas Vorderrad wieder festzumachen. Die sechs Kilometer ohne Regenhose und der weit über den Knöchel reichende Schlamm haben ausgereicht, um die Schuhe auch von innen nass sein zu lassen – was ja so ziemlich der worst case ist. Dennoch fahren wir weiter und es regnet und regnet und regnet. Zwischendurch wird es weniger und für einen Moment lassen sich Konturen in den Wolken erkennen und sogar einen Hauch blauen Himmels. An der nächsten Tankstelle halten wir erneut an, bekommen wieder von den Jungs direkt zwei Tees


und begehen den Fehler, im Restaurant daneben Mittag zu essen. Als die Rechnung kommt, trauen wir unseren Augen nicht. Stolze 23 € (auch automatisch in Euro gerechnet). Immerhin sind wir ein wenig wärmer und trockener. Auf der Straße, die die Qualität einer Autobahn hat, geht es weiter durch eine Landschaft, die ihre Schönheit nur erahnen lässt zwischen den Wolken und dem Dampf. Bald biegen wir auf eine kleine Straße ab, um über den Berg ins nächste Tal zu fahren. Es geht steil bergauf, aber es gibt eine Spur für langsame Fahrzeuge.


So ist das Fahren mit den vielen LKWs, vor allem Gas- und Öl-Transporte und etwas, was wir als Marmor und Aluminium vermuten. Es hört für 100 Höhenmeter (ca. 30 Minuten) auf zu regnen und wir wagen es, die Gamaschen, die Regenhose, Regenjacke und Regenumhang auszuziehen und nur den Regenumhang griffbereit zu halten. Die gesamte Landschaft dampft erneut und bietet die Ahnung auf tiefe Täler.


Bald fängt es wieder leicht an zu regnen und kaum sind wir oben, schüttet es erneut wie aus Eimern. Dennoch hatten wir genug Zeit, uns ohne Regen um zu sehen, dass die Landschaft zwar auch von Landwirtschaft geprägt ist, aber vor allem durch verschiedene Abbauorte von Steinen und anderen Materialien. Überall sind die Hänge wie klaffende Wunden und zugleich wirkt dadurch ein Berg ganz surreal bunt, denn die verschiedenen Gruben haben verschiedene Farben. An der Universität finden wir ein Bushäusschen; inzwischen ist es ein Wolkenbruch, der sich mit dem wieder gekommenen Gewitter mischt. Die Wolken sind genau auf unserer Höhe und geben den Eindruck, als sei um einen herum die Welt zu Ende. Es ist schlicht nichts zu sehen. Wir ziehen wieder alles an, sind von den wenigen (vielleicht 2) Kilometern aber so durchnässt, daß klar wird, für heute brauchen wir ein Hotel. In der Stadt, die kommt (Bilecik (thrak. Agrilion, griech. Belikoma), fahren wir zunächst bergauf und bergab, ohne dass ein Hotel außer der Werbung in Sicht kommt. Es geht nach einem Fluss wieder bergauf und schon sehen wir ein Hotel, vor dem wir halten. Der zuständige Mensch begrüßt uns freudig und wir nehmen das Zimmer. Als er uns dann genauer anschaut und unsere Taschen sieht er für einen Augenblick aus, als bereue er die Entscheidung. Das Ergebnis ist, dass alle Taschen, der Wagen und die Folien vor dem Hotel mit Wasser abgespritzt werden müssen. Wenn eine Tasche nicht sauber genug ist, wird die reklamiert. So arbeiten wir zu dritt (er macht mit) uns an den Taschen ab. Als wir im Zimmer ankommen, können wir das verstehen, es ist alles mit Teppich. Die Klimaanlage wird auf 30 Grad gestellt


und wir werden mit unseren blitzeblanken klatschnassen Taschen alleine gelassen. Nun kann Ortlieb zeigen, was die Taschen können, aber gegen so eine Behandlung kommt der Rollverschluss dann doch nicht an. Da wir aber alles wichtigen Sachen (Klamotten etc.) zwecks Sortieren in Plastik-Zipp-Tüten und dann noch in von Alex gespendeten Ortlieb-Innenpacksäcken haben, sind die Klamotten trocken. Innerhalb einer halben Stunde haben wir nicht nur das Zimmer komplett mit Wäscheleine „verkabelt“, sondern auch alles Relevante aufgehangen.


Wir kaufen noch für morgen ein, ergänzen unseren Kerzenvorrat, essen eine Suppe und genießen dann die Badewanne, bevor wir auch das Badezimmer mit dem Außenzelt zuhängen. Im Fernsehen haben wir einen Wetterbericht mit Städten und Bildern gesehen und wissen nun, dass es fast überall Regen und / oder Gewitter gibt. Wir stellen uns innerlich auf weitere Regentage ein.

12. Oktober Orhangazi - Osmaneli 66,56 km, 3931,9 Gesamt km

Datum: 12.10.10
Tag: 73
TagesunterstützerIn:
von: Orhangazi m NN 104
nach: Osmaneli m NN 93
km 66,56
Gesamt km 3880,5618
km/h: 12,6
Fahrzeit 05:16
gesamte Fahrzeit: 286:19:00
Anstieg in m pro h 67,03
Anstieg in m 353
Abfahrt in m: 364
höchster Punkt in m NN 369
Steigung/Gefälle 1,08 
Panne: der rechte Mantel vom Wagen verabschiedet sich mit lautem Knall
In der Nacht fängt es an zu regnen und steigert sich beim Frühstück in einen richtigen Regen, davor wäre es noch mit gutem Willen in die Kategorie fieseln gekommen. Zum Glück hört es dann doch auf, so dass wir im Trockenen abbauen können und das klatschnasse Außenzelt einrollen. Die Luft ist in den Reifen und eine Untersuchung der Mäntel lässt auf keine Dornen schließen, es fällt nur ein Loch im Mantel am rechten Wagenrad auf. Wir kämpfen uns durch den nun weichen Acker zurück auf die Straße und der Dreck begleitet uns den ganzen Tag. Es ist wieder extrem windig und ziemlich kalt. Zunächst geht es am İznik-See (türkisch İznik Gölü) entlang durch ein enorm fruchtbares Tal. Auf jeder Seite wird geerntet. Da die Äcker doppelt genutzt werden (also zwischen den Oliven dann noch Zucchini wächst z.B.) sind jede Menge Menschen, vor allem aber Frauen mit der Ernte sowohl der Oliven als auch der vielen anderen Gemüse und Früchte beschäftigt. Es ist alles Handernte. Auf manchen Feldern pflügen Frauen den Acker mit einem Handpflug. Gerade haben wir beschlossen in dem nächsten Ort eine Teepause zu machen, als sich der Mantel vom rechten Hinterrad mit einem lauten Knall verabschiedet.


Zunächst denken wir noch an einen Montagefehler, da der Schlauch regelrecht zerfetzt ist. Als wir die Stelle im Mantel suchen, sehen wir, dass er komplett durch ist. Zum Glück haben wir einen Ersatz dabei und montieren ihn.


Im nächsten Ort, der durch Ernte geprägt ist, essen wir eine Suppe zum Tee und fahren anschließend weiter. Im Dorf sehen wir den Radfahrer, der mit uns auf der Fähre war. Auf dem Weg nach İznik (griechisch Νίκαια, Nikaia; lateinisch Nicaea; deutsch Nicäa, Nikäa oder Nizäa) überholen wir zunächst ihn, dann er uns. Er ist eher ein wortkarger Mensch, so dass wir über das Grüßen nicht hinauskommen (und nicht müssen). In Iznik sehen wir ihn wieder durchs Fenster. Dort kommen wir an einem der beindruckenden Stadttore vorbei, das wir aufgrund des wieder einsetzenden Regens im Vorbeifahren anschauen. Auf der Suche nach einem Restaurant sehen wir den Hinweis auf das Museum der St. Sophien-Kirche. Zunächst aber wollen wir etwas essen und uns aufwärmen. Nach dem guten Essen trinken wir im nebenangelegenen Café noch einen Mokka, als ein junger Mann auf uns zu kommt und sich als Lehrer an der Schule vorstellt und mit leuchtenden Augen von seinen Radtouren erzählt – unter anderem von Iznik über den Iran (Persien, persisch ‏ايرانĪrān Zum Anhören bitte klicken! [iːˈrɔːn] , dt. Land der Arier) nach Pakistan (Urdu ‏پاکستان‎, amtlich: Islamische Republik Pakistan) und Indien. Jeweils in den Sommerferien sind er und seine Frau unterwegs gewesen, jetzt haben sie einen einjährigen Sohn, so dass sie ein wenig warten müssen. Als wir sagen, dass wir nach Ankara (früher Angora, antiker Name altgriechisch Ἄγκυρα Ankyra, lateinisch Ancyra) fahren, bietet er an, den Kontakt zu seiner Schwester herzustellen, die dort wohnt. Das nehmen wir gerne an und ehe ich (Gunda) mich versehe, habe ich sein Handy mit der Schwester auf der anderen Seite in der Hand, die uns direkt einlädt, bei ihnen zu wohnen. Wir sind darüber sehr froh, gerade auch, weil wir in Ankara viele Informationen brauchen und auf diese Weise endlich ein wenig mehr Einblick in die Türkei (amtlich Türkiye Cumhuriyeti (T.C.), deutsch Republik Türkei) bekommen. Erfreut über diese Begegnung fahren wir weiter im Regen und auf der schlechten schmalen Straße zusammen mit LKWs, Traktoren, Mofas und Autos. Die Straße steigt kontinuierlich an und der Wind bleibt uns als kalter Gegenwind treu. Die Fahrweise ist abenteuerlich und bald kommen wir an einem schicken Geländewagen vorbei, der in der Kurve die Straße verloren hat und nun im Graben liegt. Es ist keinem etwas passiert und um den Wagen stehen mindestens zehn Männer und diskutieren. Die LKWs hupen uns immer dezent von der Straße, so dass wir eine Menge Zeit auf dem schlechten Seitenstreifen verbringen. Das Gute bei den LKWs ist, dass sie nur hupen, um uns zum Ausweichen zu bewegen, wenn sie die Spur gar nicht wechseln können, sonst ist das Hupen eher ein Begrüßen. Überhaupt freuen sich alle, dass wir mit dem Rad unterwegs sind. Bald biegen wir von der Hauptstraße auf eine kleine Verbindungsstraße zum nächsten Tal ab. Da die herunterkommenden Autos und LKWs aussehen, als führen sie eine steile Wand hinab, machen wir eine Trink- und Kekspause nach den ersten 30 m, die bereits zwischen 15-17% waren. Wir kommen an einem Haus vorbei, wo ein junger Hund uns nachrennt, eine Situation, die wir heute einmal schon hatten und da waren es drei völlig wilde Töllen, die uns im Volltempo, bellend und zähnefletschend nachgerannt sind. Der Hund ist einfach jung und dennoch ist so eine Situation immer riskant. Also schreien wir ihn an, so dass ein Junge und die Mutter den Hund zurückrufen. Einige Meter weiter geht rechts ein Weg hinein, so dass wir für die Pause halten können. Wir sehen, dass der Hund immer noch zu uns will (und damit über die belebte Straße) und dass er mit dem Stock davon getrieben wird. Gerade wollen wir fahren, als die Mutter mit dem Sohn kommt und uns zwei Granatäpfel schenkt und „welcome to Turkey“ sagt.


Wir freuen uns sehr über das Obst und machen noch ein Bild von den beiden. Mit dem Obst und gestärkt durch die nette Begegnung nehmen wir den Rest der Steigung in Angriff. Wir sind ganz bald oben und befinden uns auf einem Plateau, das genauso fruchtbar ist und von reichen Bauern bewohnt wird. An einer Bushaltestelle warten die Frauen, die in der Ernte arbeiten, auf den Bus und schauen neugierig und ein wenig scheu zu uns. In diesen Situationen bin ich (Gunda) inzwischen diejenige, die dann die Frauen anlächelt oder winkt und dann löst sich das und die gesamte Gruppe ruft und winkt.
Es geht steil hinab und plötzlich haben wir neben uns eine wunderschöne Schlucht und ganz viel Wald. Es ist wieder eine mediterrane Vegetation und die Aussicht auf die hohen Berge einerseits, das Tal und die Schlucht andererseits ist wunderschön. Die Straße windet sich in Serpentinen hinab und schafft in wenigen Kilometern, wofür wir das Dreifache gebraucht haben: wir sind wieder auf den 90 m so wie Iznik. Wir finden eine Quelle und einen abgeernteten Obstgarten und genießen das Geräusch der Grillen und die milden 15 Grad.
Heute Mittag haben wir überlegt, wie wir das eigentlich mit dem Wasser und z.B. dem Essen von Salat handhaben wegen möglicher Bakterien etc. Bisher trinken wir alles Wasser, es sei denn es ist fürchterlich verchlort und essen alles. Heute Abend bei dem Quellwasser waren wir zum ersten Mal ein wenig unsicher. Da wir aber Trinkwasser eh kaufen – wegen des Chlorgeschmacks von Leitungswasser – beschließen wir, es nur zum Kochen zu nehmen.

11. Oktober Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]) - Orhangazi, 31,25 km, 3864,3 Gesamt km

Datum: 11.10.10
Tag: 72
TagesunterstützerIn:
von: Istanbul m NN 29
nach: Orhangazi m NN 104
km 31,25 + 44 km Schiffsüberfahrt
Gesamt km 3814,0018
km/h: 11,4
Fahrzeit 02:42
gesamte Fahrzeit: 281:03:00
Anstieg in m pro h 129,63
Anstieg in m 350
Abfahrt in m: 275
höchster Punkt in m NN 342
Steigung/Gefälle 2,00

Panne: Platter an Gunda Hinterrad
 
Wir stehen mit dem Ruf des Muezzins auf, um die restlichen Dinge zu packen und das Zelt wieder zu vervollständigen. Aufgrund der Kälte hatte Alex einen Schlafsack, einen hatten wir gewaschen. Alex fährt mit dem pünktlichen Shuttle um 7:30 zum Flughafen und wir vertreiben uns die Zeit bis zum Frühstück. Anschließend sause ich (Gunda) wieder zum Konsulat. Eine wunderschöne Fahrt durch den recht frühen Morgen, fast noch vor den Touristengruppen. Es steht Nebel über dem Bosporus (griechisch Βόσπορος „Rinderfurt“, von βοῦς boũs „Rind, Ochse“ und πόρος póros „Weg, Furt“; türkisch Boğaz „Schlund“, bzw. Karadeniz Boğazı für „Schlund des Schwarzen Meeres“; veraltet „Straße von Konstantinopel“), auf dem eine Menge Schiffe unterwegs sind. Wolfgang nutzt die Zeit, um die Taschen an ihren Verschlüssen nachzuziehen und die Beschriftung zu erneuern. Nur eine Stunde dauert der Ausflug zur Botschaft, der neue ein Jahr gültige Pass ist grün.
Beim Ausparken der Räder stellen wir fest, dass die Schraube für den Kettenschutz von Gundas Rad bei einem Umräumen des Rades durch die Jugendherberge rausgerissen ist. Ziemlich verständnislos betrachten wir das Ergebnis einer ziemlichen Gewaltanwendung und reparieren notgedrungen. Anschließend geht es zur Fähre, die wir um nur zehn Minuten verpassen und dadurch gemütlich in der Sonne sitzend auf die nächste warten. Der Fährterminal ist riesig und modern, die Autos werden auf Bomben kontrolliert.   

 
Die Fahrt auf die asiatische Seite ist ein Vergnügen, da die Autofähre ein Katamaran ist und sehr schnell und beständig fährt. Drüben angekommen essen wir in einem Fischrestaurant zu einem Fünftel des Preises von Istanbul. Es ist ein geruhsames Sitzen. Die Fahrt hinaus ist auf einer neu ausgebauten Straße und geht über einen ersten kleinen Pass von 340 m. Obwohl die Straße neu ist, ist sie gut zu fahren und weit entfernt von den 10%. Wir fahren die Straße zum See hinab und wollen nur noch Wasser holen, als das Rad von Gunda von jetzt auf gleich nicht mehr lenkbar ist. Der Grund: ein platter Hinterreifen. Seufzend packen wir das Rad ab und suchen das Loch. Es lächelt uns an und wir finden auch den Corpus Delicti: ein ziemlich großer Nagel der nur unter ziemlichen Aufwand aus dem Mantel zu ziehen ist. Dadurch holen wir erst Wasser beim Ruf des Muezzins und wissen, dass wir uns ranhalten müssen, um einen Platz zu finden. Ein Feldweg führt uns schließlich zu einem Feigenbaum und zu Dornenbüschen. Wir können es für diesen Abend nicht ändern, erahnen aber schon die nächsten Platten!

Sonntag, 10. Oktober 2010

5.-10. Oktober - 066, 067, 068, 069, 070, 071

10. Oktober
 
Heute haben wir ausgeschlafen! Nachdem dann die Sonne schien, waren wir einigermaßen verwirrt, hatten wir uns doch erneut ein Indoor-Programm überlegt. Nach einigen logistischen Pack- und Mail-Sachen sind wir zum Topkapı-Palast (osmanisch ‏طوپقپو سرايى‎ Topkapı Sarayı; im Deutschen auch Topkapi-Serail, wörtlich „Kanonentor-Palast“) aufgebrochen. Zum ersten Mal sehen wir die Hagia Sophia (aus dem griechischen Ἁγία Σοφία „heilige Weisheit“, türkisch Ayasofya) und die blaue Moschee im Sonnenschein.



Es wirkt alles viel heller mit Sonne, logischerweise, aber nach so viel Regen einfach immer wieder erstaunlich. Der Palast ist in einem riesigen Parkgelände gelegen, wir haben perfektes Wetter für das Museum. Wir genießen die Sonne und die Natur und erfreuen uns an vielen jungen „Palastkatzen“, bis wir hinein gehen. Die meiste Zeit verbringen wir im Harem (haram / ‏ حرم‎ / ḥaram /‚verboten; unverletzlich, tabu, heilig (bezogen auf ein Gebiet); Frau‘), in dem durchaus mehr zu sehen war als unser Reiseführer prophezeite.


Ein beeindruckendes Gewirr aus Räumen und Treppen und Innenhöfen, welches zugleich die Hierarchie des Harems und des Hofes widerspiegelt. Anschließend gehen wir durch das Museum, in dem die Reliquien aufbewahrt werden. Es ist ein wenig befremdlich, für gläubige Muslime (auch Moslem, veraltet: Mohammedaner) so bedeutende Gegenstände in einem profanen Museum zu sehen. Wir sehen eine Gruppe von Moslems, die ganz andächtig an den Reliquien vorbei gehen, davor und danach Jugendliche, die sich lustig machen. Vielleicht gehören solche „Gegenstände“ einfach in heilige Räume. Die gesamte Zeit über wurde aus dem Koran oder Qur'an [qurˈʔaːn] (arabisch ‏القرآن‎ al-qurʾān ‚die Lesung, Rezitierung, Vortrag‘) live rezitiert. Trotz des Fotografierverbotes haben viele fotografiert, ein wenig kann man den Zorn der Gläubigen auch nachfühlen. So ein Museum (altgriechisch μουσείο[ν], musío) – ursprünglich das Heiligtum der Musen, welche Schutzgöttinnen der Künste, Kultur und Wissenschaften waren) ist ein klassischer Ort der intellektuellen Ambivalenz.
Nach dem teuersten Tee (aber immerhin auch dem größten) in ganz Istanbul (für uns), aber mit grandioser Aussicht


sind wir erneut über die Galatabrücke (türkisch Galata Köprüsü) gefahren und haben auf dem Fischmarkt zu Mittag gegessen. 


Abgesehen davon, dass Alex und ich einen Ladenhüter unter unseren zwei Fischen hatten, war es sehr gut und einfach nett zum schauen und hören. Das Wetter blieb schön und wir konnten bei Sonnenschein erneut die Wege gehen, die wir ganz am Anfang einmal gelaufen sind 


und uns die Gebäude in der untergehenden Sonne anschauen.


Den Abend beschließen wir (bisher) mit Packen, Schlafen – bis die Fete auf dem Dach kurzfristig wieder startete – und Blogschreiben.


Als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster schauen, trauen wir unseren Augen nicht: es regnet nicht! Wir beschließen, erneut die blaue Moschee in Angriff zu nehmen und sind diesmal zur Öffnungszeit am Morgen direkt da und brauchen kaum anzustehen. Wir verbringen einige Zeit in der Moschee und lassen den Innenraum auf uns wirken, der so treffend als „heitere Raumgestaltung“ beschrieben wird.


Anschließend laufen wir bis zum Edirne Kapi, einem der Stadttore. Der Weg führt uns weit weg vom touristischen Zentrum zunächst durch die hügeligen Stadtteile Istanbuls, die uns immer wieder einen Blick auf das Viadukt und die Holzhäuser gibt. Als wir das Viadukt hinter uns gelassen haben,


laufen wir Kilometer an einer Einkaufsstraße entlang, die ein Brautgeschäft und Schuhgeschäft nebeneinander hat. Es ist Samstag und alle Welt kauft ein. Es ist kalt und beinahe sonnig. Wir kehren in einem Café ein und werden von ungezählten Männeraugen erstaunt angeschaut. Den bestellten Tee bekommen wir – wieder zu normalen Preisen – und einer der älteren Herren spricht Alex und mich an, während Wolfgang auf dem Klo ist, und fragt uns, ob uns kalt ist. Damit wirkt das Eis gebrochen und der eine oder andere freundliche Blick trifft uns. Wir überlegen auf der Straße, ob der erstaunte Blick vielleicht eher Wolfgang galt, wie er an zwei so unterschiedliche Frauen gekommen ist….
Da eine dunkle Regenwolke mit den ersten Tropfen droht, biegen wir wenige Meter vor dem Stadttor ab, wir haben es immerhin von recht nah gesehen, und folgen den Schildern zum Museum. Die Gegend ist das Gegenteil von touristisch. Wir biegen um zwei Ecken und sind prompt wieder im touristischen Teil gelandet. Dieser schnelle Wechsel wird uns den Tag über begleiten. Der Tee kostet wieder das Fünffache und es gibt die Artikel, die es überall gibt. Unser Ziel ist eine ehemalige Kirche, jetzt Museum, die für ihre Mosaiken berühmt ist. Diese sind in der Tat überwältigend und auch während der osmanischen Zeit, obwohl die Kirche als Moschee genutzt wurde, nicht entfernt oder übertüncht worden, sondern mit Holzpaletten zugehangen. Das ist umso bemerkenswerter, als dass die Mosaiken durchweg christliche Motive oder christlich interpretierte alttestamentliche Motive besitzen.


Anschließend machen wir uns auf dem Weg zum Wasser und so schnell wie wir in den Tourismus gelaufen sind, sind wir auch wieder raus. Wir laufen durch alte Viertel mit alten, zum Teil verfallenen, zum Teil gut erhaltenen Häusern, aus denen aus jeder Ecke Kinder und / oder Katzen zu quellen scheinen. Sobald wir an der Hauptstraße am Wasser sind, hat Istanbul wieder ein anderes Gesicht: Viel Verkehr, Fußball auf der einen Seite, Autowerkstätten und manche Cafés auf der anderen Seite, ein Park wechselt das Fußballfeld ab. Eigentlich suchen wir den Anleger für die Fähre, finden ihn aber erst spät, als wir in einem schönen Café ganz oben etwas essen und direkt vor uns die Fähre fahren sehen. Wir haben einen atemberaubenden Blick auf das andere Ufer in seiner Mischung aus Werften, offiziell wirkenden Gebäuden, Häusern aller Art, durch die sich die Autobahn windet, ganz moderne Hochhäuser, die mit ihrer Aussicht schon auf Plakaten geworben haben.
Wir nehmen keine Fähre, sondern arbeiten uns durch unzählige kleine Straßen auf die nächste große Moschee des Tages zu. Noch im Restaurant war der Strom ausgefallen, so laufen wir durch ein Stadtteil, das – so keine Generatoren da sind – dunkle Geschäfte hat, manche mit Kerzen, manche mit Gaslampen erleuchtet. Wir suchen den Weg zur Moschee und bis auf einige wenige Touristen sind wir die einzigen, die nicht zum Viertel gehören. Wir kommen an gänzlich zusammengebrochen Holzhäusern vorbei, von denen manche aufwendig mit Holz wieder aufgebaut werden. Andere bleiben so wie sie sind und hinterlassen Lücken im Straßenbild, Lücken, die ebenso durch uralte Mauerreste entstehen. Dazwischen stehen hohe Häuser, alte Häuser, ein unglaubliches Nebeneinander-Durcheinander. In den Hinterhöfen werden die Maiskolben von den Blättern entfernt, die Wagen mit den gegaarten Maiskolben kennen wir aus der Altstadt, hier sehen wir, dass die Arbeit von den Kindern gemacht wird. Hier spielen die meisten nicht, sondern arbeiten, viele sortieren Müll, schleppen schwere Säcke oder schieben Wagen die steilen Straßen hinauf. Wir durch ein Wunder eröffnet sich aus einer engen Gasse dann plötzlich der Blick auf die Moschee


und prompt sind wir wieder umgeben vom Tourismus, so wie wir ihn inzwischen kennen. Die Moschee Suleymann des Prächtigen ist leider geschlossen, sie wird renoviert. Die Bilder lassen die Schönheit erahnen. Der Friedhof ist geöffnet, den wir uns anschauen.


Da wir eh schon stunden gelaufen sind, laufen wir einfach weiter und suchen den Gewürzmarkt. Wieder sind wir mit einer Straße weiter aus dem Tourismus raus und landen in belebten Straßen eines open-air-Basars. Durch die engen Straßen schieben sich Großfamilien mit riesigen Tüten, Autos, Menschen, die Karren schieben, Mofas, Katzen. Es ist irre. Wieder ein völlig anderes Bild der Stadt. Wir gewöhnen uns an den langsamen aber effektiven Schiebe-Gang und erreichen relativ schnell den Eingang des Gewürzbasars und finden uns erneut im touristischen Istanbul wieder. Auffallend ist, dass türkische Frauen dort keine Gewürze kaufen, sondern nur Süßigkeiten und Stoffe.  


Also kaufen wir dort auch keine Gewürze.
Völlig ermattet nehmen wir tatsächlich die Straßenbahn zurück.


Wir planen in der Frühe direkt zur Öffnungszeit in die „Blaue MoscheeSultan-Ahmed-Moschee (türkisch Sultanahmet Camii) zu gehen und scheitern an der Schlange und ihrer Anordnung: es regnet in Strömen, genauer gesagt, es regnet so, dass Strömen schon gar nicht mehr ausreicht. Das Wasser steht auf den Straßen, auf den Bürgersteigen, kommt in Sturzbächen aus den Regenrinnen, es ist unvorstellbar. Der kurze Weg zur Blauen Moschee lässt uns bereits aussehen wir dem Regenfass entstiegen und in dem ganzen Regen steht die Schlange nicht im überdachten Rundgang sondern schön daneben im Innenhof!


Auch die Versuche, der Aufpasser der Moschee, die Schlange in eine andere Richtung zu bewegen, scheitert. An allen Ecken werden – wie gestern auch schon – Regenschirme verkauft und die Kreativität gegen den Regen kennt keine Grenzen. Wir schauen uns dieses verregnete Chaos eine Weile an und entscheiden, dass wir zum Basar (persisch: Markt; arabisch Suk) fahren. Wir stapfen wieder in den Regen raus und schwimmen uns den Weg frei zur Straßenbahn. Beim Basar angekommen, genießen wir, dass er überdacht ist


und starten den langen Prozess des Trocknens und wissen bei über 4.000 Geschäften haben wir dafür auch eine Menge Zeit.


Während Wolfgang beim Frisör ist, trinken Alex und ich gepflegt einen Tee und Kaffee und beobachten das Treiben um ein Restaurant, das eine tiefere Bedeutung haben muss, da Reisegruppen hineingeführt und wieder hinausgeführt werden mit Erklärungen innen. Andere Touristen lassen sich fotografieren und Geschäftsmänner essen dort. Wir vermuten, es könne daher gut sein, ein Blick in den Innenraum überzeugt uns eher vom Gegenteil, aber es gibt Toiletten.


Wir suchen also weiter nach etwas Essbarem und sind zugleich aber auch ein wenig orientierungslos und irren für eine Weile im Regen, der immerhin beinahe nur noch Regen ist, in den Straßen um den Basar herum.


Dort ist der Basar für den Alltag und finden schließlich in einer kleinen Straße einen köstlichen Imbiss. Aufgewärmt und gesättigt wagen wir uns erneut in den Regen und nehmen den Weg durch den Basar, um wieder zur Straßenbahn zu kommen. Für den restlichen Tag schauen wir uns Istanbul aus dem Fenster an, es regnet und regnet und regnet und es ist kalt und die Zimmer sind nicht geheizt, so dass auch nichts trocknet. Es ist so regnerisch und kalt, dass wir sogar in der Jugendherberge essen.


Nachdem wir am Tag vorher mit Staunen die Schlangen gesehen haben, stehen wir früh auf um früh am Museum zu sein. Auf dem Weg zur Hagia Sophia (aus dem griechischen Ἁγία Σοφία „heilige Weisheit“, türkisch Ayasofya) verkauft der erste Straßenhändler Regenschirme, ein Umstand, der bei uns da eher noch Erheiterung auslöst. Da wissen wir noch nicht, was uns erwartet. Bis auf Wind und kühlere Temperaturen ist es noch sehr schön. Das Museum fordert fast den ganzen Vormittag und ist – abgesehen von der Fülle von Reisegruppen aller Sprachen – wunderschön. Welch eine kluge Entscheidung, die Kirche / Moschee in ein Museum umzuwandeln, dadurch hat keine der Religionen irgendeinen Anspruch darauf. Auf diese Weise sind auch beide Gestaltungselemente nebeneinander zu sehen


, die übertünchten Fresken sind, soweit sie noch vorhanden sind, freigelegt


und die Namen Allahs (arabisch ‏الله ‎, DMG Allāh, ʔalˤːɑːh Aussprache?/i) hängen direkt daneben.


Nach dem Mittagessen und einer Pause starten wir in Richtung Fahrradladen, den wir durch zwei Radreisende auf deren Blog als Empfehlung hatten. Inzwischen schüttet es wie aus Kübeln. Wir laufen durch die Straßen und finden den Radladen und es wirkt so, als sei er geschlossen. Ein Umstand, der unsere Laune, wir tropfen wie eine undichte Regenrinne, nicht erhöht. Der Laden ist dann aber doch offen und ein reizender Fahrradhändler bestellt und als erstes einen Tee. Wir bekommen alle Ersatzteile und marschieren mit der ersten Tüte weiter. Alex braucht dringend einen Pullover, da die Temperaturen inzwischen auf ungefähre 10-12 Grad gefallen sind. Wir finden einen Eckladen und in ihm unter grausligen, im Rheinland karnevalstauglichen Pullovern auch einen annehmbaren. Mit einer zusätzlichen Weste ausgestattet laufen wir über die Galatabrücke (türkisch Galata Köprüsü) und schaffen es, an sämtlichen Anwerbern für die Restaurants vorbeizukommen.


Am Kai finden wir neben einem köstlichen Gourmet-Laden und einem Laden mit köstlichstem Baklava einen Outdoor-Laden. Da wir noch je ein Paar lange Unterhosen und warme Strümpfe brauchen, stürmen wir in den Laden und sind begeistert von der guten Auswahl, die sich auf wirklich Notwendiges im Wander- und Skibereich bzw für die Jagd beschränkt. Als wir zahlen, sehen wir Werbung vom Deutschen Alpenverein und müssen dann doch lachen, dass wir den Outdoor-Laden in Istanbul finden, in dem der DAV wirbt. Mit einer zweiten Tüte ausgestattet finden wir den Fischmarkt, über den Alex und ich mit Begeisterung gehen. Derart von Fischen angeschaut entscheiden wir, Fisch zu essen und gehen das Risiko ein, in einem der touristischen Lokale auf der Brücke zu speisen. Wir finden eines, das uns Heizungen in Hülle und Fülle verspricht, inklusive Fußbodenheizung. Nass (auch wenn der Regen aufgehört hat) und kalt gehen wir hinein. Von den versprochenen Heizungen geht eine am anderen Ende des Raumes, aber es ist dennoch recht warm. Als nächstes wird ein Fischwagen an uns herangeschoben und wir erahnen nun, wie unser Pecser Gastgeber viel Geld losgeworden ist. Dank Alexs resolutem Fischanschauen und Kiemenbetrachten und dem gespielten Desinteresse von mir (Gunda) und Wolfgangs skeptischen Blicken und dem Finger auf irgendwas anderem bekommen wir einen Fisch zu dritt zu einem annehmbaren Preis. Er sieht gut aus


und schmeckt auch gut, auch wenn die Beilagen überschaubar sind. Aber es ist ein Vergnügen, zum einen die Lichtshow der Brücke zu sehen


und zum anderen die Anwerbungskünste durch das Fenster zu betrachten. Sehr bald haben wir (Alex und Gunda) einen eindeutigen Favoriten ausgemacht, der seine Arbeit erfolgreich und ausgesprochen ästhetisch macht.


Am Abend wagen wir uns auf die eröffnete Dachterrasse, es ist wieder mal eine Regenpause und wir versuchen in der Kälte den Disko-Krach hinter uns zu ignorieren, besser uns daran zu gewöhnen, da wir genau darunter schlafen und genießen den Ausblick. 


Der Morgen ist bereits grau, wenn auch noch trocken. Da ich (Gunda) am Morgen ins Generalkonsulat muss um mich nach einem neuen Pass zu erkundigen, fahren wir mit der Straßenbahn über die Galatabrücke (türkisch Galata Köprüsü) ins das Viertel, in dem unter anderem viele Konsulate sind. Auf dem Weg zum Konsulat komme ich an der Visa-Stelle vorbei, davor geht es zu wie auf einem Basar und für einen Moment überlege ich, mich zu beteiligen, vielleicht ist mein Pass dort ja im Umlauf..
Die Beantragung war gar kein Problem und so bin ich schnell wieder raus und wir treffen uns in einem Café mit unglaublichen Schokoladenkuchen. Im Grunde ist es eine Schokoladenmanufaktur, wo es auch noch Ess- und Trinkbares ohne Schokolade gibt, aber wir bleiben konsequent in der Produktlinie und vertilgen eine Schokoladenbombe, die ihresgleichen sucht. Derart gestärkt nehme wir die Fähre auf die asiatische Seite Istanbuls und genießen die Ausblicke auf die beiden Hängebrücken und die verschiedenen Perspektiven.  

 
Am Ufer angekommen erleben wir das erste Mal einen regelrechten Singwettbewerb der benachbarten Muezzins (arabisch ‏مؤذّن‎ mu'adhdhin, DMG muʾaḏḏin). Im Grunde singen sie hintereinander, aber es wirkt so als würden sie bei jedem Einsatz die Lautstärke steigern, verbunden mit Unmengen an Straßenverkäufern, Autos und telefonierenden Menschen ist es ein regelrechtes Konzert.   

 
Wir streifen ein wenig durch das Viertel und laufen zur nächsten Anlegestelle vorbei an einen der vielen Orte, wo Männer mit viel Geduld und einer wunderschönen Choreographie fischen.   

 
Es ist für eine so große Stadt eine beinahe kontemplative Atmosphäre, die immer dann zu spüren ist, wenn das Wasser nah ist. Aber auch diese ist zugleich immer ganz nah an großer Geschäftigkeit und Hektik. Für den ersten Tag haben wir es gut sein lassen und sind nach einem Mittagsschlaf in ein in unserem Reiseführer empfohlenes Restaurant gegangen, in dem wir eine andere Esskultur erleben können: es ist gutes Essen, das in einem Maximum an Effektivität und Ungemütlichkeit dargeboten wird. Teller, die auch nur in die Nähe des Aufgegessen-Seins kommen könnten, sind schneller vom Tisch abgeräumt als der Festhaltereflex dieses verhindern könnte. Alexs Linsensuppe verschwindet auf diese Weise beinahe mysteriös vom Tisch und verblüfft halten wir alle vorhandenen Teller konsequent fest, sobald sich jemand nähert.


Alex kommt mit einiger Wartezeit vom asiatischen Flughafen endlich hier an und hat bereits eine Stadtrundfahrt hinter sich. Wir entscheiden, dass wir sehr bald und ganz in der Nähre etwas essen wollen um dann noch einen kurzen Gang in die direkt hinter / über uns liegende Altstadt zu machen. Wir wählen eine der touristischen Restaurants unserer Straße, die sicherlich nur von gerade angekommenen Touristen leben: die Portionen sind neben dem Geschmack vor allem in der Größe eine Frechheit. Wir lassen uns aber nicht entmutigen und genießen den warmen und trockenen spätsommerlichen Abend für erste Besichtigungen.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

29. September 2010-5. Oktober 2010 - 060, 061, 062, 063, 064, 065, 066

5. Oktober SelimpasaIstanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]) 57,23 km, 3833,1 Gesamt km

Datum: 5.10.10
Tag: 66
TagesunterstützerIn:
von: Selimpasa m NN 2
nach: Istanbul m NN 29
km 57,23
Gesamt km 3782,7513
km/h: 12,48
Fahrzeit 04:34
gesamte Fahrzeit: 278:21:00
Anstieg in m pro h 120,88
Anstieg in m 552
Abfahrt in m: 525
höchster Punkt in m NN 199
Steigung/Gefälle 1,88

 
Den Abend und die Nacht verbringen wir mit vier jungen Katzen, die großen Spaß daran haben, an den Zeltschnüren zu ziehen und mit ihnen zu spielen und immer wieder versuchen, ins Zelt zu kommen.


Wir haben ein wenig Sorge um unser Zel,t aber am Morgen sehen wir, dass nichts passiert ist. Zum Teil sind die Katzen bis aufs Dach geklettert.
Von unserem „Nachbarn“, der uns gestern das Wasser gebracht hat, werden wir zum Tee und Frühstück eingeladen.


Es ist ein heiteres Frühstück und ein Crash-Kurs in Türkisch, was auf beiden Seiten viel Heiterkeit hervorruft. Es kommt eine Nachbarin vorbei, die in den Türkisch-Kurs mit einsteigt.


Wir haben am Ende gelernt, wie man sich bedankt, verabschiedet. Immerhin!
Der Wind hat nachgelassen und so können wir etwas leichter fahren, wenngleich die Straßenverhältnisse durch den vielen Verkehr abenteuerlich, da unser Seitenstreifen nach wie vor nicht vorhanden ist. Wir machen mittags eine Pause und sind da schon stundenlang durch die Vororte von Istanbul gefahren, die alle einen sehr modernen und sauberen Eindruck. Die Straße gabelt sich in eine Auto-und LKW-Spur für einen der vielen Hügel vor Istanbul


und wir sind uns sehr einig darüber, dass wir auf jeden Fall in die LKW-Kategorie gehören. Das Viertel auf dem Hügel ist super schick und sieht sehr teuer aus.
Je näher wir an die Stadtgrenze kommen, desto wahnwitziger wird der Verkehr. Wir fahren auf einer 10 spurigen Straße, die in der Mitte noch eine reine Busspur für einen ganz modernen Metro-Bus hat. Wir wechseln die Straße und folgen dem Tip der Tankstelle und fahren auf der Uferstraße und können so bei wunderschönem Wetter den Blick auf den Bosporus genießen


Es ist kaum zu glauben, aber wir sind in Istanbul!


Wir können es selbst kaum glauben. Am Abend kommt Alex an und wir freuen uns sehr auf die Woche hier.

4. Oktober Tekirdağ (bulgarisch Родосто/ Rodosto , griechisch Ῥαίδεστος / Rhaidestos oder Ῥαίδεστον / Rhaideston, lateinisch Rhaedestus oder Raedestum; ungarisch Rodostó, ursprünglich Bisanthe (griechisch Βισάνθη), später auch Rodosçuk, Tekfur Dağı) – Selimpasa, 75,26 km, 3774,9 GesamtKm

Datum: 4.10.10
Tag: 65
TagesunterstützerIn: clara.francesco; c/o Br. Gregor Wagner, Franziskanerkloster Pankow
von: Tekirdag m NN 2
nach: Selimpasa m NN 2
km 75,26
Gesamt km 3725,5213
km/h: 12,26
Fahrzeit 06:08
gesamte Fahrzeit: 273:47:00
Anstieg in m pro h 93,10
Anstieg in m 571
Abfahrt in m: 571
höchster Punkt in m NN 106
Steigung/Gefälle 1,52
1. Panne: Wolfgangs Reifen am Wagen ist platt
Am Morgen ist der rechte Reifen von Wolfgangs Wagen mal wieder platt. Es ist immer noch eine Dorne gewesen! Nach dem Flicken und dem Besuch eines weiteren Ehepaares, die eher entgeistert wirken, fahren wir los und kämpfen weiter gegen den Wind.


Es ist windig und wir denken schon, dass das starker Wind ist, aber nachdem er sich bis zum Mittag nocheinmal steigert, verändern wir unsere Kategorien. Es geht im stetigen Auf und Ab auf Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]) zu. Irgendwann zweigt die Autobahn nach Istanbul ab und wir fahren auf der Schnellstraße weiter. Der Nachteil zeigt sich nach wenigen Metern (aber die Autobahn war definitiv gesperrt für Radfahrer und außerdem Maut pflichtig): unser schöner Seitenstreifen ist als asphaltierter futsch! Bis zum Mittagessen in einem ganz netten kleinen Restaurant sind es nur noch wenige Kilometer und wir kommen ziemlich durchgefroren und entkräftet da an. Wir müssen so entkräftet und hungrig ausgesehen haben, dass die Wirtin uns ein frisches Brot nach dem anderen bringt und zum eigentlichen Essen noch eine Menge zusätzlicher Speisen und als wir die alle gegessen haben noch einen Teller mit einer Gemüse-Gewürz-Mischung und frisches Brot. Wir ahnen, dass wir etwas auf dem Teller lassen müssen damit deutlich wird, dass wir satt sind – was wir in der Tat auch waren. Danach bekommen wir noch Unmengen an Tee und auch da ist es so, dass das Glas gefüllt wird wenn es leer ist. Gewärmt und gestärkt fahren wir wieder auf die Straße hinaus und die erste Windböe nimmt uns schon den Atem.


Der Wind hat sich noch einmal gesteigert, zudem ist der Verkehr angestiegen und das ewige Auf und Ab der Straßen macht aus dem zweispurigen Verkehr eine abenteuerliche Angelegenheit abenteuerlich bepackter und schön bemalter LKWs, die auf keinem Fall Schwung verlieren wollen. Wir fahren nur über den Rückspiegel, müssen ganz viel auf den Schotter ausweichen und haben keine Ahnung, wie die Gegend aussah durch die wir gefahren sind. Dazu ist es so windig, dass wir selbst bergab streckenweise nur 10 km/h fahren. Als nach etwas über 70 km ein Campingplatz kommt, nehmen wir das gerne an. Was sich Campingplatz nennt ist eine wilde Mischung aus Dauercampern in unterschiedlichen Behausungen und uns werden zwei mögliche Zeltplätze gezeigt: der Steinweg vor zwei Hütten und der Strand. Der Steinweg fällt aus, weil das zu eng, zu öffentlich ist und der Strand fällt aus weil der auch öffentlich ist. Wir entscheiden uns für den betonierten Teil der Strandbar. Als Waschgelegenheit können wir in eine der Hütten gehen. Der einzige andere Gast schenkt uns direkt 10 l Trinkwasser und bietet uns an, an ihrem Tisch in einer überdachten Laube zu essen. Die Gegend an sich eine ganz edle Urlaubsgegend und mischt sich Häuser in einem schlechten Zustand und Neubauten. Schon die gesamten letzten 50 km machten bereits den Eindruck eines sehr kontrollierten Zuzugs von Menschen, die vom Land in die Stadt wollen. Istanbul ist ja enorm gewachsen. Wir sind gespannt wie sich die letzten 50 km vor der Stadtgrenze weiter entwickeln. Die eingezäunten und bewachten Wohnanlagen wurden immer mehr und waren zum Teil riesig groß und haben eine Spanne zwischen eher einfach und total luxuriös.

3. Oktober Develivenice – Tekirdağ (bulgarisch Родосто/ Rodosto , griechisch Ῥαίδεστος / Rhaidestos oder Ῥαίδεστον / Rhaideston, lateinisch Rhaedestus oder Raedestum; ungarisch Rodostó, ursprünglich Bisanthe (griechisch Βισάνθη), später auch Rodosçuk, Tekfur Dağı) 49,21 km, 3698 GesamtKm Datum: 3.10.10

Tag: 64
TagesunterstützerIn:
von: Develiyenice m NN 110
nach: Tekirdag m NN 2
km 49,21
Gesamt km 3650,2613
km/h: 11,94
Fahrzeit 04:07
gesamte Fahrzeit: 267:39:00
Anstieg in m pro h 120,00
Anstieg in m 494
Abfahrt in m: 602
höchster Punkt in m NN 294
Steigung/Gefälle 2,23
Die Nacht haben wir seit langem mal wieder ohne Dornen oder ähnlichem Ungemach draußen verbracht. Dafür ist es irre kalt, am Morgen sind es 3 Grad. Wir haben inzwischen die beiden Fleece-Schlafsäcke aneinander gemacht und einen Schlafsack darüber. Wenn wir von Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]) Richtung Ankara (früher Angora, antiker Name altgriechisch Ἄγκυρα Ankyra, lateinisch Ancyra) fahren, werden wir uns angewöhnen müssen, dass wir das Wasser ins Zelt legen, da sind es in der Regel zehn Grad wärmer
Wir fahren weiter gegen den Wind die Berge hoch und runter und erfreuen uns jedes Mal daran, dass die Kilometer gen Istanbul weniger werden. Bald ist Istanbul kein abstrakter Name in unserer Planungstabelle mehr! Mitten auf der Wasserscheide zwischen schwarzem Meer und Marmarameer (türkisch Marmara denizi, in der Antike Propontis)verliert der hintere Reifen von Gundas Rad mit einem dramatischen Pfeifen innerhalb weniger Sekunden alle Luft. Zum Glück sind wir schon oben und haben eine ebene Fläche zum Reparieren. Der Schlauch sieht inzwischen aus wie ein Flickenteppich! Diesmal ist das Loch schon zu sehen, bevor es zu hören und zu spüren ist. Der Schlauch hält und wir fahren zum Meer im Sturm hinab. Es ist zwar wärmer geworden, aber nicht wesentlich. Es ist genauer gesagt so kalt durch den Wind, dass wir zum Mittagessen draußen sitzen, aber das nur mit einer dicken Jacke aushalten. Wir wählen ein Restaurant ca. 3 km vor der Stadt und 70 m über dem Meer. Da wir die einzigen Gäste sind, fragen wir uns, wie sich so ein Restaurant hält. Kurz darauf hält ein Reisebus aus Griechenland (griechisch Elláda, Ελλάδα [ɛˈlaða]; formell Ellás, Ελλάς ‚Hellas‘; amtliche Vollform Ellinikí Dimokratía, Ελληνική Δημοκρατία Hellenische Republik[5]) und wir wissen nun wie. Interessanter Weise ist es in der  Türkei (amtlich Türkiye Cumhuriyeti (T.C.), deutsch Republik Türkei) nicht weiter erstaunlich, auf dem Landweg nach Japan (jap. 日本, Nihon/Nippon; anhören?/i) zu fahren. Das wird auch aufgrund unserer Flaggen sofort verstanden. Das mit dem Fahrrad zu tun, ruft dann zwar eher Erstaunen hervor.
Wolfgang wartet die Räder, während ich (Gunda) schreibe und an der Tabelle arbeite (und schlafe :-) ). Wir fahren los mit dem Ziel, weitere mindestens 30 km gegen den Wind zu fahren. Nach ca. 50 m verabschiedet sich der Mantel von Gundas Hinterrad mit einem deutlich vernehmbaren Knall des Schlauches. Innerhalb von Jetzt auf Gleich ist die gesamte Luft wieder raus. Als wir den Mantel untersuchen, sehen wir, dass die schadhafte Stelle inzwischen zum Loch geworden ist und uns durch das Loch das geflickte Loch von vor dem Essen anschaut. Das ist regelrecht zerfetzt. Also heißt es Mantel und Schlauch tauschen. Zum Glück gibt es einen Weg neben der Autobahn, so dass wir dort das gesamte Gepäck abnehmen können und innerhalb von einer Stunde das Rad wieder fit haben.


Wir fahren durch die Stadt, die wiederum ganz modern und nahezu elegant gebaut ist. Sie ist geprägt von Militär und hat vor den Toren eine große, ebenfalls ganz modern aussehende Universität. Das Stadtleben präsentiert sich wie in den anderen Städten auch schon bunt und vielfältig, wenngleich von der Erscheinung her deutlich säkularer als z.B: Sarajevo (kyrillisch Сарајево; dt. auch Sarajewo; türkisch: Saraybosna).
Der Wind ist brutal und wir fahren mit einiger Mühe weitere 20 km. Der erste Versuch, einen Schlafort zu finden, scheitert daran, dass plötzlich ein Haus oder so etwas ähnliches auftaucht. Also kämpfen wir uns durch den gepflügten Acker wieder zurück und streichen gepflügte Äcker von unserer Liste der möglichen Wege zu einem Schlafplatz. Wir fahren weiter und hoffen immer noch auf einen der drei in der Karte versprochenen Campingplätze. Als nichts kommt und es dunkel wird, fahren wir in das nächste Dorf und finden den Weg zum Meer, Hier ist - wie auch schon in den Dörfer vorher – ein Großteil der Häuser zu einem Komplex zusammen gefügt und eingezäunt. Das Tor ist offen und so fahren wir in den Komplex und sehen einen überdachten Bereich.


Kurzentschlossen fahren wir dahin. Kurz darauf kommt ein älterer Herr mit dem wir uns verständigen, dass wir für eine Nacht hier schlafen können und morgen nach Istanbul fahren. Etwa eine knappe Stunde später – wir haben gerade fertig aufgebaut und alles zum Kochen bereit – kommt er mit seiner Frau wieder, die es gar nicht fassen kann, dass wir mit den Rädern aus Deutschland gekommen sind.


Als sie sehen, dass wir alles haben und alles gut ist, gehen sie wieder. Für einen Moment hoffen wir noch auf einen Teller Fischsuppe oder gegrillten Fisch – beide Düfte haben wir schon die ganze Zeit in der Nase….
Nach einer kalten Dusche und der abendlichen Blog- und Twitter-Zeit gibt es Nudeln mit Thunfisch und Chilli!


2. Oktober İpsala (griech. Κύψελα, Kypsela) Tekirdağ (bulgarisch Родосто/ Rodosto , griechisch Ῥαίδεστος / Rhaidestos oder Ῥαίδεστον / Rhaideston, lateinisch Rhaedestus oder Raedestum; ungarisch Rodostó, ursprünglich Bisanthe (griechisch Βισάνθη), später auch Rodosçuk, Tekfur Dağı), 76,85 km, 3648,3Gesamt km

Datum: 2.10.10
Tag: 63
TagesunterstützerIn:
von: Ipsala m NN 10
nach: Develiyenice m NN 110
km 76,85
Gesamt km 3601,0513
km/h: 12,3
Fahrzeit 06:14
gesamte Fahrzeit: 263:32:00
Anstieg in m pro h 142,78
Anstieg in m 890
Abfahrt in m: 790
höchster Punkt in m NN 269
Steigung/Gefälle 2,19
Wir frühstücken in der Patisserie nebenan mit köstlichem süßen Gebäck und einem Nescafé und begeben uns zurück auf die quasi Autobahn gen Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]). Es ist enorm windig, leider als Gegenwind und innerhalb der nächsten zwei Stunden wissen wir, dass die Straße quer zu jedem Tal fährt und weiter fahren wird. Auf unserer Karte ist das nicht so genau eingezeichnet. Die Straße selbst ist in einem recht guten Zustand und die Autofahrer alle sehr nett und rücksichtsvoll. Die Landschaft ist weit und eigenartig leer, jetzt im Herbst nach der Ernte. Es gibt kaum Dörfer, dafür aber wenn es Dörfer gibt in der Regel neu gebaut. Auch die Tankstellen sind alle neu oder renoviert und top modern. Ein ganz anderes Bild als die beinahe provisorischen Tankstellen in Griechenland (griechisch Elláda, Ελλάδα [ɛˈlaða]; formell Ellás, Ελλάς ‚Hellas‘; amtliche Vollform Ellinikí Dimokratía, Ελληνική Δημοκρατία Hellenische Republik[5]). Um kurz vor 12 sind wir so abgekämpft, dass wir in einem der neu gebauten Dörfer am Minimarkt halten um etwas zu trinken und einen Schokoriegel zu essen. Wir werden freudig begrüßt vom Eigentümer und als er erfährt, dass wir aus Deutschland sind, direkt zum Tee und Gebäck eingeladen. Er hat fünf Jahre in Oberhausen gearbeitet. Es ist ein schönes Zusammensein und tut uns gut, die wir erst wieder Vertrauen gewinnen müssen in die Begegnung mit Menschen vor Ort. Bis zum Mittagessen kämpfen wir weiter gegen den Wind und nehmen das an einer Tankstelle zu uns, die alle ein Restaurant haben. Wir werden in die Küche mitgenommen, wo und die Speisen gezeigt werden. Wie gestern auch schon merken wir wieder, dass wir essensmäßig froh sind, in der Türkei (amtlich Türkiye Cumhuriyeti (T.C.), deutsch Republik Türkei) zu sein. Nach dem Mittagessen geht es über die Hügel weiter, die in steter Regelmäßigkeit mit 5 - 7% bergauf und dann wieder bergab gehen, in der Regel kommt dabei ein Höhenunterschied von 70 - 130 m zu stande. Bis auf Herden am Rande sehen wir kaum Menschen, lauter abgeerntete Felder. Ein Dorf ist besät mit Straßenhändlern und macht einen ganz anderen Eindruck. Es laufen unendlich viele Hunde herum, auf der einen Straßenseite stehen die Männer, auf der anderen die Frauen, in der Mitte Polizei und ein beschädigten Auto: es hat anscheinend einen Unfall gegeben. Wir sind froh, an den Hunden gut vorbei zu kommen.
Es ist ein anstrengender Tag, zumal wir merken, dass wir durch die vielen Off-Road-Strecken in Kombination mit den freien Tagen ganz aus dem Rhythmus des Fahrens auf normalen Straßen gekommen sind. Dazu kommt der Gegenwind, der am Meer mit Windstärke 7 - 8 angekündigt war. Wir erreichen mit hängender Zunge einen Ort, an dem es Quellwasser gibt, die Möglichkeit, Essen zu kaufen (oder direkt dort zu essen). Wir kaufen ein wenig Joghurt, Ayran und werden von einem der Männer direkt angesprochen, auch er hat in Deutschland gearbeitet. Er versichert uns, dass wir hinter dem Restaurant gut zelten können. Wir suchen uns das nächstgelegene Feld und fahren dazu an einer kleinen Moschee direkt neben dem Restaurant vorbei. Als wir unser Zelt aufbauen, hören wir sehr nah und deutlich das Einwahlgeräusch eines Telefons und erstarren für einen Moment. Anschließend knackt es und der Muezzin (arabisch ‏مؤذّن‎ mu'adhdhin, DMG muʾaḏḏin) fängt an. Wir haben die Moschee (arabisch ‏مسجد‎ masdschid, DMG masǧid ‚Ort der Niederwerfung‘) gesehen, aber nicht damit gerechnet, dass der Muezzin per Telefon eingewählt wird. Das Wahlgeräusch ertönt am Ende und dann bleibt als einziges Geräusch der Autolärm der Straße. Bisher sehen wir kaum Frauen mit Kopftuch und es gibt fast überall Alkohol zu trinken (und wird auch getrunken). Wir sind gespannt, ob und wie das Bild sich ändert.

1. Oktober Samothraki (griechisch Σαμοθράκη (f. sg) ‚thrakisches Samos‘, türk. Semadirek) – İpsala (griech. Κύψελα, Kypsela) 54,51 km, 3570,4 Gesamtkm 

Datum: 01. Okt.10
Tag: 62
TagesunterstützerIn:
von: Kamriotissa m NN 10
nach: Ipsala m NN 10
km 54,51
Gesamt km 3524,2013
km/h: 15,05
Fahrzeit 03:37
gesamte Fahrzeit: 257:18:00
Anstieg in m pro h 40,92
Anstieg in m 148
Abfahrt in m: 148
höchster Punkt in m NN 57
Steigung/Gefälle 0,54
Die Fähre bringt uns wieder an Land.


Dort starten wir nach einem mäßig gutem Essen in Richtung Türkei (amtlich Türkiye Cumhuriyeti (T.C.), deutsch Republik Türkei). Trotz des Gegenwindes kommen wir gut voran, es ist aber auch eine Strecke mit wenig Höhenmeterunterschieden. Wir müssen um das Delta der  Mariza, auch Maritza geschrieben (bulg. Марица, griechisch Έβρος / Evros, lat. Hebrus, türk. Meriç Nehri) herumfahren. Am Ende landen wir wieder auf der Autobahn um die letzten Kilometer bis zur Grenze zu fahren. Wir haben kein Interesse an Experimenten inwieweit die kleine Straße am Ende dann doch zur Grenze führen würde. Sie hätte es getan, aber eine Weile auf einer gut asphaltierten, begradigten und durch einen Zaun gegen Hunde gesicherten Straße zu fahren ist durchaus wohltuend.
Die Grenze ist ein Hochsicherheitstrakt. Wir durchqueren die griechische Grenze und müssen die Mariza, auch Maritza geschrieben (bulg. Марица, griechisch Έβρος / Evros, lat. Hebrus, türk. Meriç Nehri) überqueren. Mitten im Fluss ist die Grenze und wir kommen genau zur Wachablösung auf griechischer Seite. Dazu wird die Fahne ausgerollt. Auf beiden Seiten sind hohe Zäune. Beide Seiten sind bewaffnet bis an die Zähne. Auf türkischer Seite werden wir ausgesprochen freundlich empfangen und müssen dort durch weitere Kontrollen. Insgesamt ist der Grenzstreifen fast 3 km lang. Hinter der Grenze fällt uns als erstes auf, dass die Felder viel mehr Wasser haben und ganz viele Vögel zu hören sind. Wir beschließen in der nächsten Stadt in ein Hotel zu gehen, da es schon fast dunkel ist. Es ist ein etwas abenteuerliches Hotel und wir sind froh, dass wir eine eigene Ausrüstung mit Schlafsack und Handtüchern dabei haben, da beides nicht vorhanden ist. Es sind 230 km bis Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]), das ist eine überschaubare Länge. Bisher haben wir auf türkischer Seite noch keine Bunker gesehen, auf griechischer Seite waren sehr viele, wenn auch längst nicht so viele wie in Albanien, amtlich Republik Albanien (albanisch Shqipëri/Shqipëria oder Republika e Shqipërisë), da waren alle zwei Meter ein Bunker zu sehen.
30. September Samothraki (griechisch Σαμοθράκη (f. sg) ‚thrakisches Samos‘, türk. Semadirek)
Heute haben wir dem Einwohnermeldeamt den Verlust des Passes gemeldet und sonst unsere Logistik sortiert. Dazu gehörte dann auch die weiteren Löcher in den Schläuchen zu flicken. Der Mantel an meinem (Gundas) Rad ist hinten ziemlich mitgenommen, da hoffen wir in Istanbul [ˈˀi.stan.buːl] (türkisch İstanbul [isˈtɑnbul]) Ersatz zu finden. Die ruhigen Tage haben sehr gut getan.

29. September Samothraki (griechisch Σαμοθράκη (f. sg) ‚thrakisches Samos‘, türk. Semadirek)

Heute Morgen haben wir unsere Wäschelogistik weitergeführt und ganz mutig auf dem Balkon aufgehangen, obwohl es nach Regen aussieht. In der Nacht hat es bereits geregnet, der erste Regen seit dem Frühjahr. Irgendwie ziehen wir den Regen mit uns mit….
Danach haben wir versucht, Informationen über einen Bus zu bekommen und wissen nun, dass um 14:00 ein Bus über die Insel fährt, so können wir uns die antiken Stätten anschauen und die Räder morgen erst wieder in Ordnung bringen. Freie Tage bedeuten vor allem Räder und sonstiges Equipment wieder in Ordnung bringen, Internet finden und wenn es dann Postkarten gibt, Postkarten schreiben.
Wir nehmen den Bus um 14:00 und haben die romantische Vorstellung, dass es an der Ausstellungsstätte einen Ort und etwas zu essen gibt.   

 
Wir werden an der Ausgrabung rausgelassen und bis auf eine Herde Ziegen sind wir die einzigen, die dort herumlaufen. Wir wandern wacker mit unseren Badelatschen den steinigen Weg zur antiken Wasseraufbewahrung hinauf   

 
und wieder hinunter und gehen anschließend zur nächsten Ausgrabungsstätte. Dort gibt es ein Museum und einen Menschen, der den Eintritt einsammelt. Das Heiligtum des alten Ritus ist wunderbar in die Landschaft eingebunden und es ist ein Genuss, sich die verbleibenden Reste anzuschauen.   

 
Da der Bus erst am Abend dort wieder vorbeikommt, laufen wir kurzentschlossen zurück – immer noch in unserer „amerikanischen“ Wanderbekleidung an den Füßen. Nach 1,5 Stunden sind wir zurück und stürzen uns hungrig in die nächste Taverne.